Daily Archive for Februar 20th, 2008

Immer mehr Deutsche lesen Nachrichten im Netz – was macht der Rest im Internet?

Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, kurz BITKOM, kommt in einer aktuellen Auszählung von Eurostat-Daten zu dem Ergebnis, dass gut ein Fünftel der Deutschen in der Altersgruppe 16-74 Jahre Nachrichtenportale im Internet besucht. Nachrichtenportale werden dabei als

Angebote definiert, die ausschließlich und tagesaktuell über Politik-, Wirtschafts-, Sport- oder Fachthemen berichten.

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Das sind also Portale wie Spiegel Online, Welt Online, heise.de oder sueddeutsche.de Also unsere Internetleitmedien. Ich bin schon etwas verwundert, dass nur 21 Prozent der Deutschen diese Seiten aufrufen, während doch die Internetdurchdringung bei dieser Altersgruppe etwa bei zwei Drittel liegt. Also: 50 Millionen Internetnutzer gibt es in Deutschland und darunter sind 35 Millionen, die keine dieser Nachrichtenportale besuchen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Klar haben Webmail, YouTube, Google und MySpace gewaltige Reichweiten – und dann gibt es noch den long tail. Aber doch nicht ausschließlich. Oder geht es um die tägliche Lektüre der Newsportale? Oder ist das einfach nur ein weiteres Beispiel dafür, wie man aus ein bisschen Nichts eine Nachricht macht?

Der Vergleich der beiden Einzelgrafiken zeigt zwar deutlich, dass die Besuche bei den 20 größten Nachrichtenportalen schneller wächst als der Anteil der Deutschen, die überhaupt diese Portale frequentieren. Aber woran das liegt, an einer zunehmenden Konzentration oder an einer höheren Zahl der Besuche pro Besucher, geht aus der Grafik leider ebenfalls nicht hervor.



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    parziv_cgm19_50v.jpgAndreas Göldi hat im Medienkonvergenzblog einen äußerst lesenswerten Beitrag über Amazon.com geschrieben. Seine These: Amazon.com ist wichtiger als Google, iTunes, Facebook und eBay. Er spricht dabei auch die related items-Funktion an:

    Und noch interessanter: Aus dem Kaufverhalten ergibt sich eine Art implizites soziales Netzwerk von Geschmacksgenossen. Für mein Shoppingerlebnis ist das “Andere Leute, die sich dieses Produkt gekauft haben, haben auch folgende Produkte gekauft” von Amazon viel wichtiger als die ziemlich ungefilterten (und darum bisher grandios erfolglosen) Produktempfehlungen auf Facebook. Nur weil ich mit jemandem bekannt bin, heisst das noch lange nicht, dass ich auch den gleichen Geschmack habe wie diese Person — oder unbedingt wissen will, was die Person gut findet.

    Ich würde hier noch weiter gehen und von dieser Funktion und vor allem der Möglichkeit, die Daten über APIs abzugreifen, als eine Art “heiliger Gral der Erforschung von Online Konsumkulturen” sprechen. Gerade die Diversifizierung des Unternehmens, das nicht nur Bücher anbietet, sondern auch Computer, Küchengeräte, Spielzeug – so ziemlich alles, was man sich in seine Wohnung stellen kann -, ermöglicht es, holistische Konsumkulturen zu erforschen.

    Das Ergebnis ist also viel mehr als einfache Produktempfehlungen à la “wer X kauft, kauft mit einer Wahrscheinlichkeit von Z auch Y” bzw. Konsumentenverhalten, sondern Lebensstile. Das aus diesen Daten ableitbare Netz der Dinge lässt sich z.B. im Sinne der Southern School of Marketing (Cova, Badot) als postmoderne neotribale Gemeinschaften deuten – als Blaupause für Commercial Communities. Und zum Teil auch als materieller Kontext für die neuen “digital empowered consumers”, hinter denen die Marktforscher derzeit her sind.

    Der große Vorteil liegt dabei nicht nur in der großen Zahl von Produktbeziehungen, die in der Amazon-Datenbank abgespeichert sind, sondern in ihrer automatisierbaren Verarbeitung. Ich hatte vor einiger Zeit mit der Entwicklung eines Analysetools begonnen, das genau diese Produktnetzwerke – das lässt sich aber ohne Probleme auf Markennetzwerke übertragen – abruft und visualisiert wie z.B. hier für den “Stamm derer vom iPod Touch” (Klick zum Vergrößern):

    (Anmerkung: Besonders interessant finde ich diese Grafik vor dem Hintergrund der Durchsetzung der Blue-ray Disc als Nachfolger der DVD. Zumindest für dieses Netzwerk ist die Verbindung deutlich: Apple – Playstation – Blue-ray. Keine Spur von HD-DVD.)

    Noch scheint dieser enorme vernetzte Wissenspool weder von der akademischen noch der privatwirtschaftlichen Konsum- und Markenforschung angezapft zu werden. Ich vermute jedoch, dass sich das sehr schnell ändern wird, gerade als Ergänzung für die eher qualitativ-textanalytisch ausgerichteten ethnographischen Verfahren der Onlinemarktforschung.



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