Daily Archive for Februar 18th, 2008

Das Ende der Klickökonomie?

153250398_1b794486b6_m.jpgMan stelle sich einmal vor, die Werbewirkung mobiler Außenwerbung würde so gemessen, dass man ausschließlich zählt, wie oft ein Sandwich-Mann, der für eine Zigarettenfirma durch die Fußgängerzone schlendert, um Zigaretten gebeten wird. Das Szenario mag zwar ungewöhnlich wirken, eignet sich aber nach wie vor für die Beschreibung des Onlinewerbemarktes.

Wenn es um die Online-Werbevermarktung geht, ist nicht nur die Volumensfrage von Bedeutung – Wie stark wird das Internet überhaupt genutzt? Wie oft werden Werbemittel angeklickt? Wie oft resultieren aus Klicks tatsächliche (Trans)aktionen -, sondern immer häufiger wird nun auch die Qualitätsfrage gestellt: Wer klickt überhaupt auf Banner? Die Volumensfrage lässt sich vergleichsweise einfach beantworten indem man die Werbeklicks in ein Verhältnis zu den gesamten Seitenaufrufen, Besuchen oder möglicherweise auch der Besuchszeit setzt. Die Qualitätsfrage nicht.

Um herauszufinden, wer die „Werbeklicker“ sind, muss man das Surfverhalten mit Hilfe Panels von Internetnutzern beobachten, deren demographische Merkmale bekannt sind bzw. kontrolliert werden können. Eines der größten solcher Panels aus zwei Millionen Teilnehmern besitzt comScore, die sich in Zusammenarbeit mit Tacoda und Starcom nun dem Werbeklickverhalten gewidmet hat. Das Ergebnis der Studie mit dem schönen Titel „Natural Born Clickers“ lautet schlicht: „der Klick ist tot“.

Da die Werbeklicker („natural born clickers“) nur eine kleine Gruppe von Nutzern darstellen, die in keiner Weise repräsentativ für die große Mehrheit der Onlinenutzer sind, wird nun das Prinzip „Bannerklick“ oder „Click-Through-Rate“ als solches in Frage gestellt. Eigentlich ist es überraschend, dass sich das so lange halten konnte. Zunächst war die Euphorie noch verständlich: Werbekunden und Werbevermarkter hatten mit der Onlinewerbung ein Instrument in der Hand, das es technisch relativ leicht macht, den Abruf der Werbemittel sowie die Konversion der Werbeklicks in tatsächlich Kaufakte zu messen, da diese – so die Theorie – ebenfalls online stattfinden.

So rückten nach und nach die Klicker in den Mittelpunkt der Online-Werbebemühungen, während die indirekte Konversion von Werbemittelabrufen in zeitlich oder räumlich verschobene ökonomische Transaktionen aus dem Blick gerieten. Erst jetzt wird dieser Irrweg klar sichtbar, denn Studien wie diese legen die Vermutung nahe, dass diejenigen, die tatsächlich auf Werbebanner klicken, als Zielgruppe sehr viel weniger spannend sind als die Nichtklicker. Womöglich lässt sich das auch auf den nach wie vor grassierenden Bildergaleriewahn auf den Portalen von Spiegel, Süddeutsche und Focus übertragen: diejenigen, die sich eifrig durch die Galerien klicken, schaffen zwar vergleichsweise billig Reichweite, sind aber in allen anderen Punkten schlicht uninteressant.

Die Studie zeigt, dass die Natural Born Clickers nur sechs Prozent der gesamten (US-)Onlinenutzer darstellen, aber für die Hälfte der Werbeklicks verantwortlich sind. Schaut man sich die Merkmale dieser Gruppe an, dann ist die klickfreudige Population mittleren Alters (25-44) und hat ein eher niedriges Jahreseinkommen (unter $40.000). Außerdem verbringen sie überdurchschnittlich viel Zeit im Internet – Auktionsportale, Glücksspielseiten und Karriereportale gehören zu ihren Lieblingszielen –, was sich jedoch nicht in entsprechende Onlineumsätze übersetzen lässt. Kurz: Die Heavy Clickers sind im WWW eine Ausnahme.

Aber noch ein weiteres Ergebnis der Studie ist brisant für die Onlinevermarkter: Die Klickraten auf Werbebanner haben kaum etwas mit der Markenwahrnehmung zu tun. Insofern laufen Bemühungen, das Markenbewusstsein über klick-optimierte Kampagnen zu fördern, ins Leere. Auch – oder vielleicht gerade dann –, wenn die Werbemittel überdurchschnittlich häufig angeklickt werden. Erfolg ist gleich Misserfolg.

Für die Markt- und Medienforschung kommen diese Ergebnisse wie gerufen, bieten sie doch eine Gelegenheit, das spezifische Know-how dieser Branche – zum Beispiel, wenn es um die Untersuchung von Konsumentenkulturen oder Markenwahrnehmung geht – wieder in den Mittelpunkt zu stellen. So fragt Danah Boyd zu recht:

While studies of consumer culture go back decades, I’m having a hard time surfacing what is known about the culture of web advertising. Who is being targeted? Who is responding? Why are they responding? What are the implications?

(Abbildung “strange work” von \\kleezerocinque//)



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