Daily Archive for Februar 7th, 2008

Blogging the Black Atlantic: Ethnoblogs (Streifzüge durch die Blogosphäre I)

Mit dem Begriff “Black Atlantic” versucht der britische Soziologe Paul Gilroy das Phänomen einer kosmopolitischen black culture zu beschreiben. Auch in Deutschland gibt es eine (größtenteils ungeschriebene) Geschichte einer Schwarzen Diaspora (dazu habe ich auch in meiner Dissertation ein Kapitel geschrieben). Wie lebt es sich in diesem Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen historischen “Reiserouten” (routes) und lokalen Verwurzelungen (roots)? Im Folgenden möchte ich (angeregt durch Marc, der so etwas ähnliches für die Mediblogszene vorgemacht hat) fünf Blogs kurz vorstellen, durch die man etwas über diese subalterne Historiographie der BRD erfahren kann: Blogging the Black Atlantic.

1) anders deutsch

In diesem Blog, das schon lange Teil meiner RSS-Lektüre darstellt, widmet sich Dr. Urmila Goel, Volkswirtin und Südostasienwissenschaftlerin, den “rassistischen Diskursen aus der Mitte der Gesellschaft.” Häufig sind es Zeitungsmeldungen, die Urmila kurz kommentiert und im (anti)rassistischen Diskurs verortet. Es geht immer wieder um den deutschen Abschiebewahn, Islamophobie, das Leben in der Festung Europa sowie die Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Kolonialismus. Neben den vielen Zeitungsschnipseln, die wie das Thema nahelegt zumeist aus der taz stammen, gibt es aber immer wieder kleine Bilder, mit denen eindrucksvoll klar wird, wie sehr rassistische Stereotype nach wie vor das Alltagsleben prägen. Daraus entsteht dann eine Phänomenologie des Deutschseins, die sich in schönen Formulierungen wie der folgenden ausdrückt: “Was genau passiert, wenn ‘deutsche Kinder’ kein Schweinefleisch mehr zum Mittag bekommen? Verlieren sie Ihr Deutschsein? Leidet ihre Gesundheit? Können sie nicht mehr lernen?”

anders deutsch besteht seit gut zwei Jahren. RSS-Feed. Creative-Commons-Lizenz. Verwandte Weblogs

2) Riemer-O-Rama

Auch bei Martin Riemer findet man ganz ähnliche Fotodokumente aus dem alltäglichen Rassismus und latent (oder manifest) patriarchalischen Integrationsdenken in Deutschland – konkret: in der Hauptstadt Berlin (siehe auch die Rubrik “Postkoloniales Berlin“). Zugleich sieht sich Martin, der als IT-Assistent an einer Grundschule in Friedrichshain-Kreuzberg arbeitet, aber aber auch als “Anstoßer und Initiator für Schülerblogs” und liefert immer wieder Anekdoten über seine Bemühungen, Schülern bis Senioren das Bloggen näherzubringen. Sehr hilfreich ist auch seine lange Blogroll mit vielen Infos zu Postkolonialismus und Bloggen. Am 4. April trägt er unter dem Titel “Das hat mein Kind gebloggt” etwas auf der Re-Publica vor. Da ich ebenfalls in dem Hard Blogging Scientists-Track etwas sagen werde, freue ich mich schon auf ein Treffen.

Riemer-O-Rama besteht seit bald vier Jahren. RSS-Feed. Creative-Commons-Lizenz. Verwandte Weblogs

3) katunia

Katunia bloggt anonym über Heteronormativität, Fortpflanzung und Erziehung, Postkolonialismus, Zuwanderung und Integration, Aufkleber und Teddybären. Lehnt sich dabei (ein dankbares Ergebnis der Anonymität) manches Mal herzhaft aus dem Fenster, was das Lesen zu einem Vergnügen macht. Katunia warnt aber (unter anderem ihre Mutter) davor, die Inhalte immer für bare Münze zu nehmen, denn: “‘katunia# ist kein wahrhaftes abbild vom leben katunias (oder vom leben ihres umfeldes). liebe mutti, dieser punkt ist für dich! mich treibt viel mehr und viel weniger um, als das, was hier steht. viele texte haben deutlich fiktive züge. ich mag zuspitzungen und polemiken und abkacken. das hier ist text — wenn überhaupt: repräsentation — ständiges verfehlen und konstruieren von oberfläche und tiefe. blubbern und verzerren, aber kein blick in meine seele.”

katunia besteht seit zwei Jahren. RSS-Feed. Creative-Commons-Lizenz. Verwandte Weblogs

4) Ethno::log

Kein erzählendes Weblog im eigentlichen Sinne, aber wahrscheinlich die wichtigste digitale Anlaufstation für Informationen aus Ethnologie, Postcolonial Studies und Feldforschung in Deutschland ist das Ethno::log. Besonders bemerkenswert ist der durchaus naheliegende Fokus auf Ethnologie im Internet bzw. Cyberethnology:

We think, that the internet is a space with an emerging culture, and anthropology has to think about this culture, has to look at it, how it developes. We should try to understand how this new culture works. So don’t be surprised to find tech news here. It’s not only about bushman drums!

Entstanden ist das Blog, sofern ich mich richtig erinnere, als studentisches Projekt am Institut für Völkerkunde und Afrikanistik der LMU München. Mitmachen kann aber jeder, der ein Konto bei antville angelegt hat.

Ethno::log besteht seit fast fünfeinhalb Jahren. RSS-Feed. Verwandte Weblogs

5) @mundo.de

Zum Schluss noch ein Blog, das ich selbst erst kürzlich entdeckt habe: @mundo. Okay, der Name ist vielleicht nicht so unglaublich gelungen, aber die Inhalte sind spannend. In dem Gruppenblog schreiben neun ehemalige oder gegenwärtige Ethnologiestudenten über Mythen, Feste, Wohnen, Kannibalismus, (post)koloniale Fremdbilder und das Web 2.0 – die ganze Bandbreite der zeitgenössischen Ethnologie also. Darüber hinaus versuchen die Autoren, dem Blog einen Magazincharakter zu geben, in dem bestimmte Themen ausgewählt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln bzw. an unterschiedlichen Beispielen veranschaulicht werden. Auch hier heißt es: Mitmachen! Ein kleiner Schönheitsfehler: nur die Startseite hat die Adresse “ethmundo.de”, die restlichen Seiten verweisen auf einen 1&1-Server mit entsprechend uneleganter Adresse “web142.troy.kundenserver42.de”.

@mundo.de besteht seit gut einem Jahr. RSS-Feed. Verwandte Weblogs

Das ist selbstverständlich eine subjektive Liste meiner Lieblings-Ethnoblogs. Aber vielleicht kennt ihr ja noch weitere Geheimtipps?



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