Edelman: Wikipedia vertrauenswürdiger als klassische Medien

Die PR-Firma Edelman hat im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums 3.100 Vertreter der sogenannten “Meinungsführer”, also wohlhabende, wohlinformierte Personen mit Hochschulabschluss aus 18 Ländern gefragt, welchen Institutionen sie am meisten Vertrauen schenken. Die überwiegende (58 Prozent) Antwort lautete: der Wirtschaft. Noch vor den Medien oder der Regierung. Nur Nichtregierungsorganisationen konnten auf dem “Vertrauensbarometer” einen vergleichbaren hohen Stand erreichen. Bei den 25-34-Jährigen ist der Unterschied zwischen Wirtschaft und Regierung noch stärker ausgeprägt.

Für mich noch spannender ist das Ergebnis, dass die offene Frage nach der vertrauenswürdigsten Quelle für Unternehmensinformationen über die Hälfte der Befragten Wikipedia genannt haben. Damit steht das Web 2.0-Vorzeigeprojekt vor klassischen Informationsquellen wie Fernsehen, Radio, Blogs oder digitalen sozialen Netzwerken. Ganz zu schweigen von den Unternehmenssprechern oder CEOs selbst – das wird das Davoser Publikum besonders freuen. Nur Wirtschaftsmagazine kommen auf höhere Werte als Wikipedia. Leider gibt’s noch keine Details der Studie, die in Davos vorgestellt werden soll. Dank Thomas Pleils Hinweis konnte ich mir nun auch schon die PDF-Zusammenfassung der Studie ansehen. Darin gibt es auch noch weitere spannende Ergebnisse zur Mediennutzung von Entscheidungsträgern, zum Beispiel über die schwindende Bedeutung von Printzeitungen bei den Jüngeren:

Thirty-five-to-64-year-olds are more likely to read a newspaper in print format (44%) than in electronic format (21%) while their younger counterparts are shifting more toward online news consumption (35% print vs. 30% electronic).

Oder über das besonders hohe Wikipedia- und Forumvertrauen der Deutschen:

German opinion elites have highest use of online message boards (39%) and free content encyclopedias like Wikipedia (46%) than in any country surveyed.

Mich würde besonders die Frage interessieren: Was macht Wikipedia so vertrauenswürdig? Die Tatsache, dass hier die Stimme des Volkes spricht, wie Richard Edelman das vermutet? Oder haben die Meinungsführer selbst schon in der Wikipedia mitgeschrieben und fühlen sich deshalb davon besonders angesprochen (Konsens durch Beteiligung)? Ist es das Image als non-profit-Projekt? Oder gar die Person Jimmy Wales? Seit seinem äußerst unterhaltsamen Streitgespräch mit dem wenig überzeugenden Mahalo-Gründer Jason Calacanis auf der DLD halte ich den letzten Punkt für gar nicht so abwegig.


Link: sevenload.com

Über die Debatte Calacanis vs. Wales (vs. Marissa Meyer) berichten auch:



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  • 1 Response to “Edelman: Wikipedia vertrauenswürdiger als klassische Medien”


    1. 1 Verenice

      Also, ich hatte auf dem DLD das Vergnügen, Jimmy Wales etwa 40 Minuten lang interviewen zu dürfen und muss sagen, dass er in der Tat eine ganz besonders sympathische Ausstrahlung hat, die gut zum ganzen “Non-Profit”-Bereich passt. Obwohl er am Tag zuvor bereits 27 (!) Inteviews gegeben hatte, hat er nicht einmal auf die Uhr geschaut, bereitwillig jegliche Fragen ausführlich beantwortet und sogar noch Zeit gefunden, ein kleines privaten Pläuschchen zu halten. Als ich ihn auf das Thema Glaubwürdigkeit und die Risiken von Wikipedia ansprach, erklärte er, wie sich das System innerhalb kürzester Zeit immer wieder selbst bereinigen würde. Und erwähnte, dass übrigens auch Google eine Menge von Leuten angestellt hat, die die Qualität der Suchergebnisse “händisch” verbessern. Ich glaube, dass neben der gemeinnützigen Qualität von Wikipedia besonders der Aspekt gefällt, dass jeder – wenn er wollte – einen Beitrag hierzu leisten könnte. Außerdem ist es im tagtäglichem Umgang einfach bequem und schnell eine Anlaufstelle für jegliche, noch so unbedeutend scheinende Information zu haben – und das ganz ohne Google. ;)

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