Netzwerke müssen draußen bleiben

Eines der Hauptargumente, warum Arbeitgeber ihren Mitarbeitern den Zugang von sozialen Netzwerkplattformen verbieten, ist die Befürchtung, sie würden dadurch von ihrer eigentlichen Arbeit abgelenkt beziehungsweise sie würden durch die Zeit, die sie auf diesen Seiten verbringen, nicht mehr so viel Arbeit erledigen wie zuvor. Um welche Seiten geht es dabei? Die Liste, die in einer aktuellen Befragung von 430 PR-Angestellten zustande kam, ergibt eine schöne Momentaufnahme des social web:

* Facebook
* MySpace
* YouTube
* Flickr
* Twitter
* Squidoo
* Second Life
* Blogs
* Podcasts
* Video-sharing sites
* Anything streaming
* Almost everything. I work for the military. It’s considered a threat.
* EVERYTHING!

Deutlich wurde in der Umfrage, dass es meistens nicht um technische Probleme geht (zum Beispiel den hohen Traffic durch das Streamen von Videos, den das US-Verteidigungsministerium als Grund für die Sperrung der Web 2.0-Seiten angegeben hatte), sondern um die Kontrolle der Mitarbeiter.

Doch ist die Frage, inwiefern die Nutzen hier die Kosten aufwiegen können, denn mit dem Verbot bestimmter Webangebote setzen die Arbeitgeber nicht nur das Engagement und Commitment ihrer Mitarbeiter aufs Spiel, sondern verpassen womöglich Chancen, diese Netzwerke und Plattformen für die Unternehmenszwecke produktiv einzusetzen. Der PR-Blogger Hans Kullin hat im Rahmen der Studie “BlogSweden 3″ – so einer Art “Wie ich blogge?!” auf Schwedisch (hier die Ergebnisse der Vorjahresstudie) – 747 Blogger gefragt, warum sie Mitglied einer sozialen Netzwerkplattform sind. Dabei ergaben sich zahlreiche Motive, die durchaus im Sinne eines Unternehmens sein könnten:

* 61.6 said “as a way to stay in touch with former colleagues, classmates or suchlike”
* 54.1% said “to use as a common channel in which to communicate with friends/colleagues”
* 31.3% said “to network”
* 18.7% said “to connect with others in my profession”

Sehr viel sinnvoller als ein Totalverbot des Web 2.0 erscheint mir a) die Ausarbeitung einer Web 2.0-Strategie, b) die Schulung der Mitarbeiter im verantwortungsvollen Umgang mit Web 2.0-Seiten sowie womöglich c) die Einrichtung von Web 2.0-Angeboten im Intranet.

Außerdem setzt das Netzwerkverbot in Unternehmen eine klassische Trennung von Arbeitszeit vs. Privatleben voraus, die gerade in den wissensbasierten Berufen schlicht nicht mehr gegeben ist (“flexible Work-Life-Balance”). Dazu Shel Holtz von Stop Blocking:

The replacement is the idea of work/life integration, which means that if you’re going to expect me to work while I’m at home then you damn well better be prepared to let me live a little bit of my life while I’m at work.



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  • 2 Responses to “Netzwerke müssen draußen bleiben”


    1. 1 Marc | Wissenswerkstatt

      Um ehrlich zu sein, leuchtet es mir durchaus ein, daß man seitens der Arbeitgeber (evtl. abhängig von den branchen/Abteilungen) nicht eine umfassende Internetnutzun während der Arbeitszeit freistellen mag. Allerdings halte ich ein Totalverbot ebenso für Quark.

      Wie stellst du dir eine “Schulung der Mitarbeiter” vor? Ich könnte mir ja eher vorstellen, daß man eine zeitliche Regelung (1 Stunde/Tag in der man surfen kann, wie man lustig ist?) oder ein WWW-Zeitkonto einrichten könnte. Ist aber auch nicht wirklich durchdacht von mir…

    2. 2 Tina

      Es ist Teil der Kultur vieler Organisationen, der Umwelt (die Mitglieder und ihr Handeln eingeschlossen) mit Misstrauen anstelle von Vertrauen entgegenzutreten und sie als Risiko zu betrachten, während die offizielle Diktion eher auf Mitarbeiter als wertvolle Ressourcen abstellt, daher auch vage Befürchtungen, was ein Beschäftigter bloggen könnte, dass er seine Zeit in Social Networking Seiten oder in Foren vergeuden könnte etc. etc. Gleichzeitig möchten viele Unternehmen gern wissen, was Mitarbeiter da so alles im Netz machen, wollen mehr über sie erfahren. Es ist also schon ein zweischneidiges Schwert. Wertvolle Ressourcen können Mitarbeiter aber vor allem werden, wenn man sie als mündige Personen behandelt, ihnen zutraut, die Möglichkeiten des Internet für ihre Arbeit produktiv zu nutzen und ihnen unterstellt, dass sie das auch selbst wollen. Ob das gerade so im Zeitgeist liegt, ist vielleicht eine andere Frage.

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