Verbale Störgeräusche, anonymisierende Bunker und virtuelle Schlägertrupps

Jetzt erst habe ich dank Peter Turi entdeckt, dass SZ-Journalist Johannes Boie sich nun endlich in der Debatte um seine Blogosphärenkritik vom August zu Wort meldet. Sehr viel neue Argumente bringt er allerdings nicht. Er kritisiert die Veröffentlichung des Briefes von Stefan Niggemeier an ihn, bemüht sich immer wieder, seine positive Grundhaltung zum Bloggen (“Weblogs hätten großes Potenzial”, “das Netz ist großartig” und dann noch einmal “Blogs haben viel Potential”) zu betonen, um bei seinen Angriffen auf die bösen Blogger nicht in den Verdacht der Parteilichkeit zu geraten.

Doch die Sprache, die verwendet wird, um die Blogosphäre zu beschreiben, ist eindeutig: hier dominieren “Quatsch”, “Oberflächlichkeit”, “Reflexe”, wird nicht gerade “hart und grundlos beschimpft”, dann “sabbern” die Blogger eben, wenn sie eine Gelegenheit riechen, einen echten Journalisten zu diffamieren. Daneben haben wird noch “verbale Störgeräusche”, “Dummes”, “viel Häme”, “Mittelmaß”, “Vereinfachung” oder “Kommentare weit unterhalb der Gürtellinie” durch die ewigen Nörgler der Blogosphäre. Wo war hier noch einmal das Potential?

Ich frage mich, welche Blogs Boie liest, um den Eindruck zu gewinnen, bei der Blogosphäre handele es sich um einen “anonymisierenden Bunker”. Bei nahezu allen Blogs, die ich lese, weiß ich, wer dahinter steckt. Gerade in Deutschland gibt es – im Unterschied zu der von Boie so gelobten US-Blogosphäre – doch kaum Möglichkeiten, anonym zu bleiben. Die Impressumspflicht macht’s möglich. Auch die von ihm immer wieder erwähnten “Unterstützergruppen”, die notwendig sind, um “nicht sofort gegoogelt und virtuell an die Wand gestellt zu werden” habe ich bislang noch nicht entdecken können. Wen meint Boie hier?

Meine Vermutung: Boie zielt mit seiner Kritik gar nicht auf die Blogger, sondern auf die Kommentatoren in Weblogs. Hier gibt es tatsächlich die Möglichkeit, anonym zu bleiben. Und in den Kommentaren wird auch hin und wieder beleidigt, diffamiert und verletzt, wobei auch hier die wirklich schlimmen Fälle bislang in den USA stattgefunden haben. Wenn Boie also Kommentatoren meint und nicht die Blogger, dann sollte man diese nicht mit Journalisten vergleichen, sondern mit Leserbriefschreibern oder eben den 8-19-Uhr-Kommentatoren der SZ. Oder ist der Qualitätsjournalismus bereits so abgerissen, dass er vor Vergleichen mit Bloggern zurückschreckt?

Zum selben Thema:

  • “Digitaler Mob?” in der Sargnagelschmiede
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  • 2 Response to “Verbale Störgeräusche, anonymisierende Bunker und virtuelle Schlägertrupps”


    1. 1 Marc | Wissenswerkstatt

      Danke für die Notiz und den richtigen Hinweis auf Boies Terminologie, die leider doch sehr einseitig auf die negativen Aspekte der Blogszene abstellt. Wenn 70% des Textes doch wieder nur von der angeblichen Feigheit der Blogszene handelt, die wenig anderes zustande bringe als zu diffamieren, dann schlägt sich diese Wortmeldung wieder mal mit den eigenen Waffen: man wirft der Gegenseite mangelnde Differenziertheit vor und läßt es gleichzeitig selbst an ihr mangeln.

      Dennoch finde ich es mehr und mehr tragisch, daß hier so unfruchtbar diskutiert wird. Denn Boies Ausgangspunkt (nämlich die schnelle Kritik Niggemeiers, der offenbar kaum zu Zugeständnissen bereit war und Boies Reaktion auch nicht abwarten wollte/konnte) ist ja durchaus diskussionswürdig.

      Aber wenn Boie schließlich den Welt-Artikel von Wolf Lotter verlinkt (hier: http://www.welt.de/welt_print/article905219/Anonyme_Hetzer_und_Spinner.html)
      dann bin ich nur noch ratlos. Denn Lotters Text läßt sich kaum mehr unterbieten, für ihn sind Blogs nur noch “Tummelplatz anonymer Heckenschützen”, die fortwährend diffamieren und denunzieren. So tief darf selbst Meinungsjournalismus nicht sinken.

    1. 1 STAR COMMAND » 2008 - ganz neu

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