Daily Archive for Dezember 20th, 2007

Abbildung: Die Genealogie der Weblogs

Hier ein Versuch, das hier, hier und hier gesagte einmal in eine Grafik zu packen um den “Stammbaum” der Weblogs einigermaßen übersichtlich darzustellen.

blog.png

Im Mittelpunkte stehen die Weblogs im engeren Sinne, die viele der einigermaßen konsensuellen Merkmale eines idealtypischen Weblogs tragen: Einträge in umgekehrerter Chronologie, regelmäßige Updates, Permalinks zu den einzelnen Beiträgen, die Möglichkeit über Trackbacks und Pings zwischen Weblogs zu verlinken, Bedienungsfreundlichkeit durch spezielle Blogsoftware bzw. einen gehosteten Dienst, direkte Kommentierbarkeit, Feeds, Kategorien bzw. Tags sowie eine Blogroll.

Davon zu unterscheiden sind die historisch früher entstandenen Weblogs im weiteren Sinne oder Proto-Blogs, zum Beispiel digitale Tagebücher, Newsseiten und Filterlogs / (kommentierte) Linklisten. Vielleicht findet man hier auch noch mehr. Jedenfalls erkennt man bei diesen Formen jeweils bestimmte (unterschiedliche) Elemente, die auch in den eigentlichen Weblogs vorkommen können. Was sie jedoch verbindet sind regelmäßige Updates und die chronologische Anordnung.

Richtet man den Blick in die jüngste Vergangenheit (Stichwort “Web 2.0″), so kann man weitere Formen erkennen, die Elemente der (Proto-)Blogs beinhalten, aber anders akzentuieren – ich habe das einfach einmal “Post-Blogs” genannt. Als Beispiele sind hier Social Bookmarking-Dienste genannt, die sich als Abkömmling der Filterlogs sehen lassen, sowie das Microblogging (Twitter) oder die Status-Messages (Facebook), die einiges mit Weblogs i.e.S. und digitalen Tagebüchern gemeinsam haben, während andere Elemente wie die Möglichkeit der Vernetzung mit Kontakten oder “Freunden” (nicht: anderen Blogs über eine Blogroll).



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    Es sieht so aus als gäbe es (mindestens [1]) zwei zentrale Ursprungserzählungen des Bloggens, die bei der Beantwortung der Schlüsselfrage “Wann ist ein Blog ein Blog?” jeweils zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen:

    Version 1: Das Weblog als Linkliste (filterblog)

    In dieser Erzählung gab es in den Urzeiten des WWW zunächst unkommentierte, häufig aktualisierte Linklisten, die dann immer häufiger mit kurzen Anmerkungen versehen wurden (z.B. Tim Berners-Lees Linkliste). Der Kern eines Blogposts ist demnach der Link, wie es auch Jörg Kantel beschreibt:

    Und es war in meinen Augen nahzu folgerichtig, dass Weblogs in ihrer ursrpünglichen Form als kommentierte Linkverzeichnisse angelegt wurden. Und der Link ist kein Anhängsel (in Form einer Fußnote oder eines Literaturverzeichnisses) mehr, sondern integraler Bestandteil des Textes.

    Das Weblog ensteht also aus einer allmählichen textlichen Anreicherung ursprünglich sehr schlichter Linksammlungen. Dies ist auch für die Bloginhalte folgenreich: in Weblogs werden also überwiegend Inhalte abgehandelt, die über einen Link erreichbar sind. Hier liegt also auch der Ursprung der Selbstreferentialitätsthese (“Blogger schreiben nur über sich selbst”).

    Version 2: Das Weblog als Tagebuch (digital diary)

    Einen ganz anderen Ausgangspunkt nimmt die zweite Ursprungserzählung, denn sie sieht das Bloggen als Fortsetzung des Tagebuchschreibens mit anderen Mitteln. Hier geht es also nicht um gefundene Inhalte aus dem Internet, die kommentiert werden, sondern um das Öffentlichmachen eigener (Alltags-)Erlebnisse und Gedanken. Jan Schmidt bemerkt zum Beispiel in seinen drei Thesen zum “Tagebuch-Blogging”:

    Mit der wachsenden Verbreitung im Laufe der vergangenen Jahre haben sich zwar unterschiedliche Prakti­ken des Bloggens herausgebildet, doch empirischen Untersuchungen zu Folge dominieren Elemente des „Tagebuch-Bloggens“.

    Eine Konvergenz der beiden Erzählungen ist natürlich in dem Fall denkbar, in dem eine Person, die tatsächlich fast nur im Netz lebt, über ihren Alltag berichtet. Findet der Alltag jedoch außerhalb des Netzes statt, können diese Blogeinträge auch ganz ohne Links auskommen. Meine bisherige Suche nach den ältesten Blogs in Deutschland hat drei “Ur-Blogs” aus dem Jahr 1996 zu Tage gefördert, die allesamt als digitale Tagebücher beschrieben werden können und dementsprechend auch mit sehr wenig Links ausgekommen sind: Robert Braun, Melody und das Cybertagebuch.

    Koexistenz und Konvergenz

    Meine Vermutung ist, dass beide Arten von Weblogs zunächst (in den 1990er Jahren) nebeneinander existiert haben und erst spät als ein und dasselbe verstanden wurden. Zumindest was den Begriff angeht, kann die erste Variante durchaus als Urform des Bloggens betrachtet werden, sieht man doch auf einen Blick, was im Mittelpunkt von John Bargers Blog steht – nämlich Links, Links und noch einmal Links:

    barger.png

    Allerdings ist zu überlegen, ob man diese Linklisten, die als erstes mit dem Schlagwort “Weblog” versehen wurden, tatsächlich schon als Weblog sehen kann, da Kommentare hier (noch) nicht möglich waren [2] – im Gegensatz z.B. zu den 1996 gestarteten Cybertagebüchern, die sich jedoch nicht als Weblogs bezeichneten. Die Frage ist nun, ob Filterblogs und digitale Tagebücher “nur” als Vorläufer des Weblogs zu sehen sind oder ob nicht der Begriff Weblog auch in der Gegenwart noch so weit offen gehalten werden müsste, so dass er nach wie vor Platz für beide Stränge bietet.

    [1] Ich will natürlich nicht unterschlagen, dass es noch weitere Traditionen des Bloggens gibt, die nicht unter die beiden Stränge fallen, z.B. das digitale Lesejournal (siehe etwa John Baez Blog) oder die Fotologs.

    [2] Auch noch nicht befriedigend geklärt ist die Frage, wie wichtig die Kommentierbarkeit für die Definition des Weblogs ist. Meistens wird die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren als wesentliches Merkmal der Vollform des Bloggens gesehen. Aus meiner Perspektive handelt es sich hier jedoch nur um einen quantitativen Wandel. In vielen Proto-Blogs war die Möglichkeit zu kommentieren von Anfang an gegeben, allerdings per Email oder im Gästebuch. Häufig antworteten die Bloggerinnen auf diese Rückmeldungen dann wiederum in ihren Einträgen. Insofern ist die Kommentierbarkeit nur eine Konvergenz von Filterlog bzw. digitalem Tagebuch und Gästebuch. Keine Frage, durch die Möglichkeit, Kommentar und Beitrag auf einer Seite zu sehen, steigt der Anreiz, sich in Diskussionen einzumischen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Kommentierbarkeit vor Ort wirklich als zentrales Merkmal herausgestellt werden kann.



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  • Call for Papers: Internet Research 9: Rethinking Community, Rethinking Place (AoIR)

    Gerade hereingekommen, der Call for Papers für die 9. Jahreskonferenz der Association of Internet Researchers (einen Rückblick auf die vergangene Konferenz gibt’s bei Jan):

    CALL FOR PAPERS

    INTERNET RESEARCH 9.0: RETHINKING COMMUNITY, RETHINKING PLACE
    International and Interdisciplinary Conference of the Association of Internet Researchers (AoIR) Copenhagen, Denmark

    Workshops / Doctoral Colloquium: October 15th, 2008 AoIR. conference: October 16–18th, 2007 [das muss dann wohl 2008 heißen]

    Deadline for paper submissions: February 8th, 2007 [dito]

    RETHINKING COMMUNITY, RETHINKING PLACE
    In the past few years, new forms of net-based communities have emerged, distributed on various websites and services, and making use of several media platforms and genres to stay connected. Now, as mobile and location-based technologies are reintroducing “place” as an important aspect in the formation of communal and social activities, it is time to consider and rethink the concept of online or virtual communities. Not forgetting the lessons we have learned from studying the early virtual communities, how do we describe, analyse, theorise and design the communities and social formations of the early 21st century? How do we address the blurring of boundaries between places and communities on- and offline?

    We call for papers, panel proposals, and presentations from any discipline, methodology, and community, and from conjunctions of multiple disciplines, methodologies and academic communities that address the conference themes.

    Sessions at the conference will be established that specifically address the conference themes, and we welcome innovative, exciting, and unexpected takes on those themes. We also welcome submissions on topics that address social, cultural, political, economic, and/or aesthetic aspects of the Internet beyond the conference themes. In all cases, we welcome disciplinary and interdisciplinary submissions as well as international collaborations from both AoIR and non-AoIR members.

    SUBMISSIONS
    We seek proposals for several different kinds of contributions. We welcome proposals for traditional academic conference papers, but we also encourage proposals for creative or aesthetic presentations that are distinct from a traditional written ‘paper.’

    We also welcome proposals for ROUNDTABLE SESSIONS that will focus on discussion and interaction among conference delegates, as well as organized PANEL PROPOSALS that present a coherent group of papers on a single theme.

    SUBMISSION REQUIREMENTS
    All papers and presentations in this session will be reviewed in the normal manner. Detailed information about review and submission will be available through the conference submission website: http://conferences.aoir.org in early January 2008.

    Format
    - PAPERS (individual or multi-author) – submit abstract of 600-800 words

    - CREATIVE OR AESTHETIC PRESENTATIONS – submit abstract of 500-750 words

    - PANEL PROPOSALS – submit a 600-800 word description of the panel theme, plus 250-500 word abstract for each paper or presentation

    - ROUNDTABLE PROPOSALS – submit a statement indicating the nature of the roundtable discussion and interaction

    Papers, presentations and panels will be selected from the submitted proposals on the basis of multiple blind peer review, coordinated and overseen by the Program Chair. Each individual is invited to submit a proposal for 1 paper or 1 presentation. A person may also propose a panel session, which may include a second paper that they are presenting. An individual may also submit a roundtable proposal. You may be listed as co-author on additional papers as long as you are not presenting them.

    PUBLICATION OF PAPERS
    Several publishing opportunities are expected to be available through journals, including a special issue of “Information, Communication & Society”, based on peer-review of full papers. The website will contain more details.

    GRADUATE STUDENTS
    Graduate students are strongly encouraged to submit proposals. Any student paper is eligible for consideration for the AoIR graduate student award. Students wishing to be a candidate for the Student Award must send a final paper by June 30, 2007.

    Ph.D. students will also want to consider participating in the Doctoral Colloquium: Following the very successful examples of previous Doctoral Colloquia, we will again aim to offer an all-day Doctoral Colloquium on October 15th 2008 (Wednesday) for Ph.D. students who wish to present their current work for critical evaluation by their peers and senior scholars. Submission and registration details will be available on the conference website http://conferences.aoir.org as soon as possible.

    PRE-CONFERENCE WORKSHOPS
    Prior to the conference, there will be a limited number of pre-conference workshops which will provide participants with in-depth, hands-on and/or creative opportunities. We invite proposals for these pre-conference workshops. Local presenters are encouraged to propose workshops that will invite visiting researchers into their labs or studios or locales. Proposals should be no more than 1000 words, and should clearly outline the purpose, methodology, structure, costs, equipment and minimal attendance required, as well as explaining its rel+evance to the conference as a whole. Proposals will be accepted if they demonstrate that the workshop will add significantly to the overall program in terms of thematic depth, hands on experience, or local opportunities for scholarly or artistic connections. These proposals and all inquiries regarding pre-conference proposals should be submitted as soon as possible to both the Conference Chair and Program Chair and no later than March 31, 2007.

    DEADLINES
    Submission site available: January 10, 2008
    Proposal submission deadline: February 8, 2008
    Presenter notification: March 31, 2008
    Final workshop submission deadline: March 31, 2008
    Submission for student award competition: June 30, 2008
    Submission for conference archive: July 31, 2008

    CONTACT INFORMATION
    Program Chair: Dr. Brian Loader, University of York, UK Conference Chair: Dr. Lisbeth Klastrup, IT University of Copenhagen, Denmark
    President of AoIR: Dr. Charles Ess, Drury University
    Association Website: http://www.aoir.org
    Conference Website: http://conferences.aoir.org



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