Monthly Archive for November, 2007

New York Times: Freier Zugang zahlt sich aus

nyt.pngDas Experiment der New York Times scheint aufzugehen. Im September hatte der Verlag beschlossen, sowohl die aktuellen Ausgaben als auch Teile des Archivs freizugeben. Die Abogebühr für den Online-Content (“Times Select”) ist damit weggefallen. Jetzt gibt es die ersten Zahlen, die belegen, dass sich dieser Schritt gelohnt hat – auch wenn man zunächst nicht ganz ausschließen kann, dass ein Teil des Traffic-Anstiegs auf die generierte Aufmerksamkeit zurückzuführen ist und sich womöglich nicht in Online-Stammleser überführen lässt. Jedenfalls liegt die Online-New York Times den aktuellen Nielsen-Zahlen zufolge nun weit, weit vor der zweitplatzierten USATODAY.com.

In reaching 17.5 million uniques, the paper had its best month ever, a Times spokeswoman told me. The numbers are up from 14.6 million in September (Quelle: beet.tv, dort gibt es außerdem noch ein Interview mit Vivian Schiller, Managerin von NYTimes.com)

Ziemlich euphorisch sieht sich die Zeitung jetzt nicht mehr allein im Wettbewerb mit anderen überregionalen Zeitungen, sondern auch mit Nachrichtenportalen und -sendern. Man darf allerdings nicht vergessen, dass sich dieser September-Sprung von immerhin 20% im Kontext des massiven Abwärtstrends gemessen an der prozentualen WWW-Reichweite, der im Februar 2006 begonnen hatte, doch etwas bescheiden ausnimmt (siehe rote Markierung):
nyt_alexa.png
Ziemlich deutlich wird das zum Beispiel im Vergleich mit Facebook:
fb_alexa.png
Immerhin haben sie das erkannt und versuchen nun, mit einer Facebook-Microsite dort auch etwas Aufmerksamkeit abzubekommen. Olaf hat diese Variante vor kurzem so kommentiert: “Erinnert alles irgendwie an die Glaskästen in denen [...] die aufgeblätterten Zeitungen ausgestellt werden.”



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    Ungewohnt versöhnlich gibt sich Don Alphonso in seinem Beitrag über Gastronomieblogs:

    Es gibt dort eine erstaunlich hohe Qualität der Beiträge und Bilder, und es ist weitaus vielschichtiger, als das Gebrutzel der TV-Köche oder die lieblosen Rezeptsammlungen des Internets. Weil es aussenrum oft noch eine Geschichte gibt, und hier mit Passion gekocht und geschrieben wird.

    In diesem Punkt kann ich nur zustimmen; auch ich bin in den letzten Wochen immer wieder auf diese sehr interessante Gemeinschaft von “Genussbloggern” gestoßen und habe viele ebenso liebevoll wie kompetent geschriebene Texte gefunden. Und vor allem fehlt bei den meisten dieser Blogs die an anderer Stelle so aufdringliche Selbstreferentialität. Vielleicht weil es nicht so sehr kochende Blogger sind als vielmehr bloggende Köche? Oder weil die durch die teilweise sehr gelungenen Fotos angeregte limbische System für eine direkte Verbindung zwischen Online und Offline sorgt?

    Wie auch immer, es funktioniert. Lustig ist, dass man auch so manche Bekanntheit aus dem Web 2.0-Diskurs auch als Foodblogger wiedertrifft, so etwas Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache vs. Gotorio) oder Peter Turi (turi2 vs. Küchenruf) – gibt es noch mehr davon? Vielleicht ist die Gelegenheit gar nicht so schlecht, an dieser Stelle gleich auch noch auf das Blog “molekularkueche” hinzuweisen, für das ich seit einiger Zeit genussblogge.



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    100mile.pngSehr spannend, gerade im Kontext der aktuellen Lohas-Welle und Konsumutopien [1], finde ich die Idee des Buches “The 100-Mile Diet: A Year of Local Eating” von Alisa Smith und J.B. Mackinnon, in dem ein kanadisches Paar das Experiment schildert, sich ein Jahr lang nur von Dingen zu ernähren, die maximal 100 Meilen von zu Hause produziert wurden. Scienceblogs-Autor David Ng ist jedenfalls begeistert und kommt zu dem Fazit

    Suffice to say, the book rocks!

    Und einen passenden Begriff dafür gibt es mittlerweile auch schon: “locavore” (Oxford word of the year):

    The “locavore” movement encourages consumers to buy from farmers’ markets or even to grow or pick their own food, arguing that fresh, local products are more nutritious and taste better. Locavores also shun supermarket offerings as an environmentally friendly measure, since shipping food over long distances often requires more fuel for transportation.

    Google hat, so erfährt man in den Kommentaren, so ein ähnliches Konzept mit dem firmeneigenen Café 150 bereits verwirklicht:

    Head Chef Nate Keller named the cafeteria “150″ because he is dedicated to sourcing ingredients for everything on the menu from within 150 miles of the Google campus. It is google’s way of supporting the ideas of sustainable, local, and organic that is so important to the Bay Area food culture. Chefs are encouraged to be creative with menus, which may have up to 100 different recipes a day.

    Wie sieht es in Deutschland mit solchen Initiativen aus?

    [1] Lesenswert dazu auch:



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  • Massenwanderung ins Internet

    Momentan geht es Schlag auf Schlag:

    • Letzte Woche kam eine Studie der EIAA (EIAA steht hier für European Interactive Advertising Association) zu dem Ergebnis, dass die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen jede Woche im Durchschnitt 13,8 Stunden im Web verbringen und 13,5 Stunden vor dem Fernseher (siehe auch hier)
    • Gerade eben kam eine Meldung des auf Kinder spezialisierte Marktforschungsinstitut Iconkids & Youth (München) heraus, nach der Kinder zwischen 8 und 14 das Internet nicht als Begleitmedium verwenden, sondern als Primärmedium. Allerdings sind die ersten Worte der Kinder nach wie vor “Mama”, “Papa” und “Auto”, aber noch nicht “Browser” oder “Wikipedia”.
    • Dann hat sich auch noch der Coca Cola-Konzern dafür entschieden, auf das Internet als Leitmedium zu setzen: “Wir brauchen TV für die Reichweite. Für unsere Kernzielgruppe der 12- bis 19-Jährigen entwickelt sich allerdings zunehmend das Internet zum Werbeleitmedium” (siehe auch hier)
    • Außerdem ist Joschka Fischer jetzt auch unter die Blogger gegangen – und liefert mit seiner wöchentlichen Zeit-Kolumne ein anschauliches Beispiel für die Schwierigkeit, neue soziale Praktiken wie das Bloggen sauber zu definieren: “Angesichts zahlreicher Kommentare schon bei der Ankündigung seiner politischen Kolumne verwischen sich die Formate. Joschka Fischer wird außerdem auf ZEIT online Essays veröffentlichen und von Gero von Randow in Videogesprächen interviewt. Im Prinzip könnte es sich bei der ZEIT-Kolumne auch um ein Joschka Fischer-Blog handeln”, meint Klaus Eck. Wobei: etwas ähnliches macht er doch auch schon eine ganze Weile im Guardian (via).


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    Gerade habe ich einen weiteren Foliensatz von unserer Tagung auf den Server geladen. Dieses Mal die Präsentation von Walter Radermacher und Jörg Enderer (beide Statistisches Bundesamt): “Zen und die Kunst eine Statistik zu erstellen” – ein sehr informativer Vortrag mit einem kräftigen Schuss Web 2.0:

    folien_radermacher_2007.png



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    Also? Blogs sind eine großartigte Erfindung, geben sie doch dem Individuum eine Stimme, die lauter nachhallt als Stammtischgespräche. Ich finde virtuelle Stammtische exzellent und für eine Demokratie immens wichtig. Für sowas alleine sollten alle Journalisten Blogs die Füße küssen. Und Leuten wie John Barger ein Denkmal bauen. Er und viele andere hätten es wahrlich verdient.

    Ach ja, der Anlass? Eine verquaste These des DJV-Bundesvorsitzenden Michael Konken zur Qualität von Weblogs, die sich natürlich in der Blogosphäre einer großen Anschlussfähigkeit erwiesen hat (vgl. die vielen Reaktionen hier):

    Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.

    Aber was mich am meisten freut: Robert hat seinen Flow wieder gefunden.



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    Täusche ich mich, oder höre ich aus Sätzen wie dem folgenden, der den “Printgipfel” der Medientage München beschreiben soll, ein klein wenig Orientierungslosigkeit heraus?

    Dass Zeitungen auch in der Welt des Web 2.0 gute Zukunftschancen haben, darüber waren sich auch die diskutierenden Experten auf den Medientagen München [...] einig. Weniger klar scheint derzeit jedoch, welche Strategien den besten Weg aus der Krise bedeuten. Ein einheitliches Patentrezept könne es nicht geben, soweit verständigten sich die Branchenvertreter jedenfalls.

    Man hat sich darauf geeinigt, dass es kein Patentrezept gibt. Naja, viel ist das nicht.

    Aber zugleich wird immer kräftiger an dem Untergangsszenario des demographischen Übergangs vom Zeitungs- zum Onlineleser gepinselt, während gleichzeitig die schöne neue Welt des Internet als heiliger Gral der medialen Zukunft angepriesen wird: “Deutschland hat in punkto Internetnutzung noch 200 Prozent Wachstumspotenzial” heißt es zum Beispiel bei Harald Summa, dem Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft. Okay, es ist nur ein Zitatfragment, aber wie genau soll das funktionieren? Hierzulande gibt es nach Nielsen 50.426.117 Internetnutzer. Steigert man das um 200% kommt man zu einer Zahl von gut 151 Mio Internetnutzern in Deutschland. Das klingt verlockend, die Frage ist nur, wo man die fehlenden 69 Mio Bundesbürger herbekommen soll. Geburtensteigerung? Einwanderung? Einbürgerung von Second Life-Bewöhnern?



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    Nur kurz der Hinweis auf zwei Neuerscheinungen, die ganz spannend klingen:

    Erstens das Buch “Internet and Society: Social Theory in the Information Age” (Routledge) von Christian Fuchs (ICT&S Salzburg), in dem der Autor eine Theorie entwickelt, die zeigt, wie das Internet die Gesellschaft verändert hat und wie die Gesellschaft das Internet geformt hat. Das Buch verspricht eine breite gesellschaftstheoretische Erörterung des Internets, die auch die Ökologie, Ökonomie, Politik und Kultur des “transnationalen informationellen Kapitalismus” umfasst. Wie es sich für so ein Thema gehört, hat der Autor neben der Homepage gleich noch zwei Youtube-Videos als Einführung in sein Buch produziert und außerdem ein Diskussionsforum dazu eingerichtet. Nett.

    semantic.pngDie zweite Neuerscheinung, “Semantic Web” (Springer eXamen) von Pascal Hitzler, Markus Krötzsch, Sebastian Rudolph, York Sure verspricht “einen einfachen und zügigen Einstieg in Methoden und Technologien des Semantic Web”. Das Anliegen, die Praxis der semantischen Netztechnologien mit etwas Hintergrundwissen anzureichern, sieht man bereits daran, dass es zwei Anhänge zu den Themen Prädikatenlogik und Naive Mengenlehre gibt. Auch hier gibt es ergänzend eine Mailingliste sowie Folien aus den Vorlesungen, auf denen das Buch beruht.



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    “… weil er offenbar glaubt, selber einer zu sein”, heißt es in dem Ausschnitt aus Lutz Dammbecks Film über den Kybernetiker, den Tom Levold auf YouTube entdeckt hat. Da ich mir gerade erst Gedanken darüber gemacht habe, was Heinz von Foerster wohl über den Evolutionismus/Kreationismus-Streit denken würde, verlinke ich einfach einmal den Film zusammen mit meinem Kommentar zu dem Thema:

    Natürlich hat kein ID [Intelligent Design]-Verfechter je von Heinz von Foerster gehört und auch die Gegenseite wird sich wohl davor hüten, seine Gedanken ernst zu nehmen. Die Frage nach dem Ursprung der Welt als Phänomen ohne Beobachter gehört für Heinz von Foerster klar in den Bereich der nicht entscheidbaren Fragen – ist also Aufgabe der Metaphysik. Die eine Antwort darauf, die theologische, ist zeitlich vor der anderen, der wissenschaftlichen, entstanden, was jedoch nichts daran ändert, dass hier eine Entscheidung eines Unentscheidbaren vorgenommen wird. Jetzt habe ich dann doch noch einmal in einem seiner Bücher nachgesehen. Und tatsächlich, die letzte Seite von “Wissen und Gewissen” enthält die folgende Passage:

    “Ontologisch Unerklärbares kann sich als ontogenetische Notwendigkeit erweisen. Der Nabel ist ein ontologischer Witz, ein Schnörkel, ein barockes Rätsel auf dem eigenen Bauch. Ontogenetisch würden wir jedoch ohne ihn nicht sein. Evolutionisten und Kreationisten suchen gleichermaßen eine ontogenetische Erklärung für ein andernfalls unerklärbares Phänomen: Wir sind da!”

    Wahrscheinlich würde diese “Debatte” wirklich davon profitieren, wenn jeder ab und zu einfach einmal dorthin sehen würde: auf seinen/ihren Nabel.



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    welt.pngEine der Möglichkeiten, die physische Welt mit der Online-Realität in Verbindung zu bringen, sind die sogenannten QR-Codes (QR steht hier für “Quick Response”). Seit heute verwendet die Welt Kompakt diesen Code, um in ihre Texte Hyperlinks zu Onlinedokumenten einzubetten. Wie funktioniert das? Zum Beispiel mit einem fotofähigen Handy mit installierter QR-Lesesoftware. Dann kann der Leser den Code fotografieren und der Web- oder Wapbrowser des Mobiltelefons wird von der Software direkt auf die referenzierte URL gelenkt.

    Wer will, kann es ja einmal mit dem folgenden Code ausprobieren (hiermit generiert):
    qrcode

    Mehr zum Thema:

    • Etwas mehr theoretischen Hintergrund liefert die Spex, die den QR-Code sogar auf die Titelseite ihrer aktuellen Ausgabe verfrachtet hat. Max Dax schreibt dazu: “Alleine, dass der Code als Verzierung, als Schmuck durchgeht, hat bereits etwas ebenso Subversives wie Beunruhigendes. So schön und streng und elegant hat die Digitalisierung des öffentlichen Raums bisher noch nicht ausgesehen.”
    • Max könnte Recht haben, schließlich wissen auch die Pet Shop Boys diese digitale Eleganz schon zu schätzen.
    • Eher technisch wird das Thema bei Polypensees behandelt.
    • Der Elektrische Reporter hat schon im Mai ein Interview mit dem Kaywa-Geschäftsführer Roger Fischer veröffentlicht.
    • Auf Zweinull.cc gibt’s das ganze auch noch mit grafischer Unterstützung.


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