Daily Archive for November 26th, 2007

Vom Geist des modernen Prosumerismus

Vorhang auf für die nächste Web2.0-Studie aus der Marktforschung. Diesmal hat TNS Infratest MediaResearch nach dem Nutzungsverhalten im neuen Netz gefragt: “Werden die Menschen im ‘Mitmachnetz’ nun reihenweise von passiven Konsumenten zu aktiven, selbst produzierenden ‘Prosumenten’?” Das Ergebnis: Die Deutschen behandeln das neue Netz nach wie vor wie ein klassisches Medium und nutzen es weitgehend passiv. Nur neun Prozent der über 14-Jährigen fallen der aktuellen Umfrage nach in die Kategorie der Prosumenten, sind also “Nutzer, die Inhalte aktiv ins Internet hochladen, gestalten oder verändern”. Ich frage mich schon etwas, wie man zu der merkwürdigen Annahme kommen kann, die Nutzer würden sich auf einmal “reihenweise” in Web2.0-Prosumenten verwandeln. Und neun Prozent sind immerhin 5,7 Millionen Menschen.

Darüber hinaus zeigt die Studie, dass die Prosumerisierung der Nutzer ganz eng mit dem Alter zusammenhängt: 4,3 Millionen der deutschen Web2.0-Nutzer fallen nämlich in die Altersgruppe der 14-29-Jährigen. Aber: ist es wirklich das Alter? Ist Web2.0 eine Jugendbeschäftigung? Oder trifft nicht doch eher eine Generationenthese zu, die eine zeitliche Abfolge in der Diffusion von Web2.0-Kulturmustern von den digitalen Eingeborenen zu den digitalen Einwanderern beschreibt? Die Beobachtung, dass der Prosumerismus ebenfalls eng mit der Höhe des Einkommens sowie dem Bildungsgrad korrelliert passt zumindest nicht ganz zu der Altersthese.

Natürlich gibt es in der Studie auch ein paar Zahlen zu Weblogs:

Sogenannte Weblogs oder Blogs, also Online-Tagebücher, werden von insgesamt 14 Prozent (9,1 Mio.) aller über 14-Jährigen zumindest gelegentlich gelesen (im Vergleich: Allensbach kam auf 18 Prozent). Eigene Weblogs werden allerdings nur von zwei Prozent (1,3 Mio.) der Bevölkerung veröffentlicht (ACTA: sechs Prozent, aber nur ein Prozent häufiger und zwei Prozent ab und zu).

Auch hier finde ich das “nur” nicht ganz passend. Wenn tatsächlich 1,3 Millionen Menschen regelmäßig in Weblogs schreiben, ist das sehr viel (besonders im Vergleich mit den von blogcensus ermittelten gut 200.000 deutschen Blogs). Schließlich noch ein paar Zahlen zu social networks:

Nach den vorliegenden Ergebnissen sind mittlerweile bereits knapp zwölf Prozent (oder 7,5 Mio.) der über 14-Jährigen in Deutschland Mitglied in mindestens einem dieser Online-Netzwerke. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es sogar 39 Prozent. Auch hier finden sich also die bereits erwähnten starken Zusammenhänge zwischen der Mitgliedschaft in einer solchen Community und den Variablen Alter, Bildung und Haushalts-Nettoeinkommen.

(via w&v)



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    Sind Blogger wirklich anders als Journalisten? Gilt bei ihnen das Gebot der Aktualität weniger stark als in den klassischen Printerzeugnissen? Der Webrocker fragt provokant nach: “Denkt eigentlich noch jemand an ‘Free Burma’?” Und tatsächlich sieht es so aus, als sei nach der euphorischen Massenmobilisierung Anfang Oktober das Interesse der Blogosphäre verflogen. Der Free-Burma-Banner ist ein paar Tage lang auf dem Blog zu sehen gewesen und aufgeregt wurde über das Schicksal der mutigen Mönche berichtet, aber eben nur eine kurze Zeit lang. Oder wie Nils es formuliert: “Die Blogosphäre ist auch nicht besser, bzw. nicht anders als die “normalen” Print- und Äthermedien. Ein Thema ist interessant, in den Fokus gerückt, also wird es rauf- und runtergefahren, ausgelutscht und nach einiger Zeit weggeworfen. Das nächste Thema bitte!”

    Ich bin mir da nicht ganz so sicher. Wenn man sich die Nennung des Themas in den Blogs ansieht, so erkennt man natürlich, dass Bruma Anfang Oktober Hochkonjunktur hatte, aber dennoch: auch sechs Wochen danach ist das Thema in den Blogs immer noch stärker vertreten als vor der Aktion:

    burma.png

    Das ist doch gar kein so schlechtes Ergebnis, oder? Und es deckt sich auch mit unseren Befunden aus der Free-Burma-Umfrage, dass durch die Thematisierung in den Blogs das Bewusstsein für dieses Land gestiegen ist. Die Ergebnisse aus der Studie werden wir hier und in der Wissenswerkstatt in den kommenden Wochen detailliert vorstellen.



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    Ist es mir bisher nur nicht aufgefallen, oder ist es tatsächlich eine Neuentwicklung, dass Perlentaucher in seinem täglichen Newsletter auch “aus den Blogs” berichtet und zitiert?

    perlen.png



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