Von der Gruppen- zur Netzwerkgesellschaft (und wieder zurück?)

Wenn man sich mit sozialen Netzwerken beschäftigt, stößt man schnell auf den etwas seltsamen Doppelcharakter des Netzwerkbegriffs: zum einen ist damit die Methode (also Netzwerkanalyse) benannt, mit der man gesellschaftliche Verbindungen (bzw. Verbindungen aller Art) in Gegenwart und Vergangenheit untersuchen kann (vgl. dazu auch die vielzitierte Analyse der Medici-Familie). Zum anderen schwingt aber immer auch die zweite Bedeutung mit, die darauf verweist, dass moderne Gesellschaften sich zunehmend netzförmig organisieren und insofern Netzwerke einen immer wichtigeren Beobachtungsgegenstand für die empirische sozialwissenschaftliche Forschung darstellen (also Netzwerkanalyse).

Obwohl diese Bedeutungsfelder häufig zusammenfallen, jedoch findet man nur selten explizite Versuche, gesellschaftstheoretische Aussagen aus der Netzwerkforschung abzuleiten (also jenseits des im allgemeinen Sprachgebrauchs verwendeten Netzwerkbegriffs). Eine spannende Ausnahme ist Barry Wellmans Begriff des “networked individualism”, der auf einen fundamentalen Wandel der Vergesellschaftung von gruppenbasierten hin zu netzwerkförmigen Assoziationsmustern beschreibt (pdf hier). Oder anders ausgedrückt: Die Leute leben nicht mehr in Gruppen, sondern in Netzwerken. Merkmale dieser neuen Lebensweise sind:

  1. Glokalisierung von Gemeinschaft: ausgedehnte (z.T. globale) Netzwerke bei weiter bestehender Bedeutung von home bases wie dem Haushalt oder der Arbeit
  2. Netzwerkmanagement: Man ist nicht nur einem/dem direkten Vorgesetzten rechenschaftspflichtig, sondern mehreren Personen z.T. in unterschiedlichen Arbeitsgruppen
  3. Unternehmensnetze: Auch Unternehmen sind nicht mehr autark, sondern in Netzwerke unterschiedlicher Stärke eingebunden
  4. Politiknetzwerke: Etwas argumentationsbedürftig ist die vierte Feststellung, dass auch die internationale Politik zunehmend netzwerkförmig organisiert ist. Das mag plausibel erscheinen, wenn man die gegenwärtigen wechselnden Koalitionen mit der Blockstruktur des Kalten Krieges vergleicht; geht man aber darüber hinaus erscheint diese These schwierig, zumal mir nicht klar ist, was in diesem Netzwerk die Knoten, was die Kanten sind. Länder? Diplomaten? Verträge?

Interessanterweise liefert Wellman seine Antithese gleich mit: Nach dem 11. September zieht sich das Sozialleben in einem gegenläufigen Trend immer stärker in “little boxes” zurück. Indizien dafür sind: gated communities, Verkehrshindernisse, Wartezeiten und Sicherheitsanforderungen im Luftverkehr, neue Blockbildungen (Nord-Süd).

Wellman neigt dazu, diese beiden Perspektiven als Entweder-oder-These zu formulieren. Kann man sich diese beiden Pole nicht z.T. auch als Sowohl-als-Auch, wenn nicht gar als Steigerungsverhältnis vorstellen? Was sagt ihr dazu?



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  • 2 Response to “Von der Gruppen- zur Netzwerkgesellschaft (und wieder zurück?)”


    1. 1 Tina

      Seit Durkheims Arbeitsteilungsstudie ist doch klar, dass organische Solidarität nur funktioniert, wenn ein bestimmtes Minimum auch an mechanischer Solidarität vorhanden ist, obgleich er ja auch konstatiert, dass die mechanische Solidarität immer weiter in den Hintergrund tritt und immer schwächer wird, ganz ohne geht es doch nicht; mit der Netzwerksolidarität im Verhältnis zur gruppenbasierten Solidarität ist es ähnlich – ich habe jetzt mehr Castells vor Aufgen, aber das Prinzip ist das gleiche – die gruppenbasierte Solidarität nimmt ab, rückt also in den Hintergrund, aber die netzwerkbasierte Solidarität tritt, obgleich sie eindeutig im Vordergrund steht, nicht an ihre Stelle. Das setzt auch solche tabellarischen Gegenüberstellungen wieder etwas mehr ins Verhältnis.

    1. 1 Rascheln im Spießernetz? Horx sieht Ende der Weblog-Euphorie at viralmythen

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