Daily Archive for Oktober 25th, 2007

Gehirn&Geist startet Brainlogs-Blogportal

Aha, allmählich bevölkert sich die Wissenschaftsblog-Szene in Deutschland. Diesen Monat neu hinzugekommen ist die Blogabteilung des Magazins Gehirn&Geist der Verlagsgruppe Spektrum der Wissenschaft (Holtzbrinck). Unter dem grünen Titel und Logo “brainlogs” bloggen hier sieben Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten zu psychologischen und neurowissenschaftlichen Themen:

Ob freier Wille oder Neuro-Enhancement, Online-Dating oder Alzheimer-WG, Kinofilme oder Anekdoten aus dem Forschungsalltag: Was immer Psyche und Gehirn betrifft – die Brainlogs-Blogger spießen es auf. Mal ernsthaft und tiefgründig, mal humorvoll mit einem zwinkernden Auge. Und jeder ist eingeladen, mit zu diskutieren!

Das Ziel ist die Verschränkung von Online- und Offlineangebot der Zeitschrift. So sollen die Blogs auch im Heft gefeatured werden und ich vermute, dass die Blogs immer mal wieder auch Themen aus dem Heft aufnehmen werden.

Ein paar Bemerkungen dazu: Momentan scheint das Portal eher noch im Betastadium zu sein: es fehlt eine vernünftige Navigation zu den älteren Beiträgen, eine persönliche Blogroll, ebenso eine Übersicht der unter dem Label firmierenden Blogs – sind es überhaupt sieben BloggerInnen? Auch besitzen die einzelnen Blogs (noch) keine eigene Identität, sondern man merkt nur an einem kleinen Foto des Autors oben im Header sowie einem versteckten anonymen Punkt “zur Person”, dass man sich in einem bestimmten Blog befindet. Hier sollte man doch den BloggerInnen eine kurzbiografische Darstellung gönnen, die von jedem Beitrag aus einsehbar ist. Da das Gefühl, im einem persönlichen Gespräch mit dem Autor zu stehen, eines der Kernpunkte des Bloggens ist (das hat Paguet 2002 so beobachtet und es gilt noch heute), bleibt hier einiges Potential ungenutzt.

Und wie wird das Blogexperiment aufgenommen? Wenn man die Kommentare betrachtet, so zeigt sich, dass auch hier vor allem Themen von den Rändern der Wissenschaft (Stichwort: “science + x” oder “Gott und die Welt”) besonders rege diskutiert werden. Hier die Top 3:

Was ich vielleicht am meisten vermisse: die Alltagspsychologiebloggerin Katja Schwab war einst stolze Trägerin des wunderbaren Hard-Bloggin-Scientists-Buttons. Den konnte ich auf der neuen Seite nicht mehr finden.



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  • Von der Gruppen- zur Netzwerkgesellschaft (und wieder zurück?)

    Wenn man sich mit sozialen Netzwerken beschäftigt, stößt man schnell auf den etwas seltsamen Doppelcharakter des Netzwerkbegriffs: zum einen ist damit die Methode (also Netzwerkanalyse) benannt, mit der man gesellschaftliche Verbindungen (bzw. Verbindungen aller Art) in Gegenwart und Vergangenheit untersuchen kann (vgl. dazu auch die vielzitierte Analyse der Medici-Familie). Zum anderen schwingt aber immer auch die zweite Bedeutung mit, die darauf verweist, dass moderne Gesellschaften sich zunehmend netzförmig organisieren und insofern Netzwerke einen immer wichtigeren Beobachtungsgegenstand für die empirische sozialwissenschaftliche Forschung darstellen (also Netzwerkanalyse).

    Obwohl diese Bedeutungsfelder häufig zusammenfallen, jedoch findet man nur selten explizite Versuche, gesellschaftstheoretische Aussagen aus der Netzwerkforschung abzuleiten (also jenseits des im allgemeinen Sprachgebrauchs verwendeten Netzwerkbegriffs). Eine spannende Ausnahme ist Barry Wellmans Begriff des “networked individualism”, der auf einen fundamentalen Wandel der Vergesellschaftung von gruppenbasierten hin zu netzwerkförmigen Assoziationsmustern beschreibt (pdf hier). Oder anders ausgedrückt: Die Leute leben nicht mehr in Gruppen, sondern in Netzwerken. Merkmale dieser neuen Lebensweise sind:

    1. Glokalisierung von Gemeinschaft: ausgedehnte (z.T. globale) Netzwerke bei weiter bestehender Bedeutung von home bases wie dem Haushalt oder der Arbeit
    2. Netzwerkmanagement: Man ist nicht nur einem/dem direkten Vorgesetzten rechenschaftspflichtig, sondern mehreren Personen z.T. in unterschiedlichen Arbeitsgruppen
    3. Unternehmensnetze: Auch Unternehmen sind nicht mehr autark, sondern in Netzwerke unterschiedlicher Stärke eingebunden
    4. Politiknetzwerke: Etwas argumentationsbedürftig ist die vierte Feststellung, dass auch die internationale Politik zunehmend netzwerkförmig organisiert ist. Das mag plausibel erscheinen, wenn man die gegenwärtigen wechselnden Koalitionen mit der Blockstruktur des Kalten Krieges vergleicht; geht man aber darüber hinaus erscheint diese These schwierig, zumal mir nicht klar ist, was in diesem Netzwerk die Knoten, was die Kanten sind. Länder? Diplomaten? Verträge?

    Interessanterweise liefert Wellman seine Antithese gleich mit: Nach dem 11. September zieht sich das Sozialleben in einem gegenläufigen Trend immer stärker in “little boxes” zurück. Indizien dafür sind: gated communities, Verkehrshindernisse, Wartezeiten und Sicherheitsanforderungen im Luftverkehr, neue Blockbildungen (Nord-Süd).

    Wellman neigt dazu, diese beiden Perspektiven als Entweder-oder-These zu formulieren. Kann man sich diese beiden Pole nicht z.T. auch als Sowohl-als-Auch, wenn nicht gar als Steigerungsverhältnis vorstellen? Was sagt ihr dazu?



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    Eine der zentralen Fragen der Wissenschaftsforschung lautet: Welche Struktur hat das System der Wissenschaft? Insbesondere die quantitativen Wissenschaftsforscher (Scientometricians) haben sich vorgenommen, aus dem Zitierverhalten in wissenschaftlichen Publikationen abzulesen, wie sich die Disziplinen und Subdisziplinen zueinander verhalten. Mit dem Science Citation Index (SCI) des Institute of Scientific Information (ISI) gibt es eine umfangreiche Datenbank, aus der man zum Beispiel genau ablesen kann, in welchen Journals wie oft auf welche andere Journals verwiesen wird und ob diese Verweise auch erwiedert werden. Ein Paradies für Netzwerkforscher!

    In ihrem jüngsten Papier “A Global Map of Science Based on the ISI Subject Categories “versuchen Loet Leydesdorff und Ismael Rafols auf Grundlage von Faktoren- und Netzwerkanalysen der 22 Hauptkategorien und 172 Themenfelder des ISI den Zusammenhang der wissenschaftlichen Disziplinen und Subdisziplinen zu ergründen (aufgrund der unterschiedlichen Zitierverhalten geht es dabei nur um naturwissenschaftliche Felder, also die englischen sciences). Dabei sind sie auf 14 Makrodisziplinen und drei große Cluster gestoßen:

    • Biologie-Medizin,
    • Physik-Material-Ingenieurswissenschaften-Informatik
    • Umwelt-Ökologie-Geowissenschaften

    Unter den 14 Makrodisziplinen sind die Biomedizin (gelb), aber auch die Chemie (orange), was die Zitierhäufigkeit angeht, besonders prominent (interessanterweise sind die Wikipedia-Einträge zur Biomedizin trotz ihrer innerwissenschaftlichen Bedeutung sehr klein bzw. unvollständig)

    (Hier gibt es diese Karte in groß und navigierbar.)

    Man sieht deutlich, dass die Chemie eine vermittelnde Position (“broker”) zwischen dem medizinischen Pol links und dem “hard-science”-Pol auf der rechten Seite einnimmt. Aber es gibt auch noch eine Verbindungslinie zwischen der Informatik und einigen medizinischen Spezialfeldern sowie eine Verbindung über das Umweltthema. Geht man auf die Ebene der Unterkategorien, so zeigt sich, dass auch die Biologie als interdisziplinäres Feld betrachtet werden kann.

    Sehr erfreulich ist, dass das Forscherteam ihre Datengrundlage als Excel-Datei zur Verfügung stellen, so dass andere die Möglichkeit haben, ihre Schlussfolgerungen zu überprüfen.



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    Nun ist geschehen, was bereits seit geraumer Zeit in der Blogosphäre vermutet wurde. Ein Teil von Facebook gehört jetzt dem Microsoft-Konzern. Für 240 Millionen USD hat das Softwareunternehmen einen 1,6%igen Anteil unseres Lieblingszeitvertreibs aufgekauft. Damit liegt der momentane Gesamtwert von Facebook bei 15 Mrd. USD. Damit lag die NY Post, was den Deal an sich angeht, richtig, mit den Zahlen aber doch etwas daneben. Das Unternehmen dürfte jetzt über ausreichend Reserven verfügen, auch in Europa richtig Fuß zu fassen.

    UPDATE: Was meinen die Kolleginnen und Kollegen dazu?

    1. Klaus Eck ist gespannt, wie sich die finanziell gestärkte Netzwerkplattform weiter entwickelt und welche Rolle neue Werbeformen in Zukunft spielen werden.
    2. Robert Basic verleiht facebook das Gütesiegel “hottest shit” und verweist insbesondere auf die “Klebrigkeit” des Netzwerkes, die dazu führt, dass die Nutzer viel Zeit darauf verbringen. Was ich aber nicht ganz verstehe: Wo hörst du ein “Plopp”, Robert?
    3. Der Sichelputzer lenkt den Blick vor allem auf den Umgang mit den Nutzerdaten und fragt: “Das Fratzenbuch lebt nur davon, dass wir uns alle daran beteiligen und unsere Kontaktdaten dort freiwillig hinterlegen. Was haben wir denn bitte schön davon?”
    4. Marcel Weiß sieht den Deal eher positiv und scheint sich für Microsoft zu freuen, endlich einmal einen sinnvollen Gegenentwurf zu Google anbieten zu können.
    5. Fasst schon ins Erotische reicht der Beitrag von Nicolai Kuban, der den Deal als “Kuss” beschreibt. In dem Zusammenhang fällt mir ein: es gibt da so eine in Einführungsvorlesungen immer wieder zitierte Studie über die verschiedenen Stadien des Kennenlernens. Während ein Kuss in Europa eine relativ harmlose Geste ist, sehen Amerikaner darin schon eine eindeutige (wenn nicht sogar obszöne) sexuelle Handlung.
    6. Nicht ein Kuss, sondern eine Blase ist es dagegen bei Thomas Gigold, der in seinem Beitrag auch gleich die Frage stellt, wo das alles enden wird.
    7. dimension2k spricht von einem “Spaß”, den sich Microsoft mit der Übernahme geleistet hat, und zeigt sich skeptisch, ob Facebook eines Tages in Deutschland Xing überflügeln kann.
    8. Robert/Othertimes dreht die Frage geschickt herum und sucht nach Gründen dafür, dass Facebook lieber mit Microsoft als mit Google zusammenarbeiten will. Für ihn ist es nur folgerichtig, dass sich ein Unternehmen, dass eine Art “soziales Betriebssystem” des WWW werden will, mit einem echten Betriebssystemhersteller kooperiert. Interessanter Gedanke.
    9. Auf dem Kasi-Blog gibt es eine ausführliche Zusammenfassung einiger weiterer Positionen u.a. aus der englischsprachigen Presse. Darin taucht dann auch die Frage auf, ob dieser Deal möglicherweise der letzte Deal der Blase sein könnte (Erinnerungen an das letzte Mal gibt es hier)?


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