Wissenschaftskultur und Blogkultur

Nach dem vielen Programmieren im Zusammenhang mit dem letzten metaroll-Update ist es nun wieder einmal Zeit für einen inhaltlichen Beitrag. Marcel Reichart gibt mit dem Satz “Natürlich ist die Blogkultur in Deutschland anders als in den USA, auch im wissenschaftlichen Bereich” dafür eine passende Anregung. Bislang scheinen derartige kulturvergleichende Blogographien (oder Ethnographien des Bloggens) jedoch Mangelware zu sein (ich freue mich aber darauf, durch Gegenbeispiele in diesem Punkt widerlegt zu werden).

In meinen Free-Burma-Netzwerkanalysen habe ich u.a. auch die Kommentarpraxis in Frankreich und Italien kennengelernt, die sich von der deutschsprachigen Blogosphäre deutlich unterscheidet. Vor allem die ausgeprägten Einzelkommentare in der italienischen Splinder-Szene waren ziemlich genau das Gegenteil des sehr viel stärker gesprächsorientierten Bloggens z.B. bei Basic Thinking. Ich bin mir aber sicher, dass wir in den nächsten Monaten oder Jahren noch einiges über das Kommentieren in Weblogs erfahren werden: Wie entstehen Communities durch das gegenseitige Kommentieren? Wie homogen sind diese Gemeinschaften? Wie werden Informationen (oder etwas stärker à la mode: Meme) weitergegeben oder verändert? Gerade netzwerkanalytische Verfahren dürften hier eine entscheidende Rolle spielen, da sie von Beziehungen ausgehen (Stichwort: social graph) und nicht von Eigenschaften (wie z.B. die Wie ich blogge-Studie).

Auf dem Feld der Wissenschaftsblogs werden diese blogkulturellen Unterschiede aber noch von den mindestens ebenso deutlichen (wenn auch besser erforschten) Unterschieden zwischen Wissenschaftskulturen überlagert. Als gravierendste Differenz lässt sich womöglich die anhaltende (oder besser: zunehmende) Brisanz der Gretchenfrage in der US-Wissenschaftsöffentlichkeit betrachten: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Das wird zum Beispiel deutlich, wenn man sich ansieht, welche Themen in diesem Augenblick auf ScienceBlogs am intensivsten diskutiert werden. Die fünf “aktivsten” Blogeinträge sind:

  1. FFRF recap: heroes of the revolution, Hitchens screws the pooch, and the unbearable stodginess of atheists
  2. Student Report: Why do we still talk about the heart
  3. Student Post: Imagining Tennis
  4. The Washington Post’s war on Gore
  5. Gore Derangement Syndrome

Betrachtet man diese Artikel näher, dann fällt auf, dass sie das Thema Wissenschaft nur periphär berühren, bzw. sich genau mit dem Spannungsfeld Wissenschaft vs. X befassen – wobei dieses X Politik, Emotionalität oder eben: Religion sein kann. Aber das ist wohl eines der Erfolgsgeheimnisse der ScienceBlogs, denn nur durch diese “Randthemen” lässt sich vermeiden, dass ein geschlossener wissenschaftsinterner Kommunikationskreislauf entsteht, der außerhalb der scientific communities als irrelevant wahrgenommen wird. Nun zu den Themen im einzelnen.

Der erste Beitrag, mit 109 Kommentaren bisher der aktivste der fünf, berichtet von der “Freedom from Religion Convention”, einer Konferenz auf der unter anderem Christopher Hitchens (“God Is Not Great: How Religion Poisons Everything”) die These des “Clash of Civilization” noch einmal aufgewärmt hat und für Rudy Giuliani als US-Präsidenten geworben hat. Da die Konferenz sich explizit mit der Trennung von Staat und Religion befasst hat, ist es nicht verwunderlich, dass auch in den Kommentaren genau dieses Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Religion immer wieder berührt wurde. Einige eifrige Kommentatoren stellen dieses Thema bereits in das Zentrum ihrer Selbstbeschreibung: “I know Evolution is a fact” betont die eine “About Me”-Spalte, “I’m a liberal atheist with a degree in Computer Science” findet man in einem anderen Profil.

Der zweite Beitrag befasst sich mit der Frage, warum trotz aller wissenschaftlicher Aufklärung das Denken und Reden in Metaphern wie zum Beispiel “er/sie hat mir mein Herz gebrochen” nach wie vor anzutreffen ist. Auch dies ein Thema, das auf die Grenzen von science in society hinweist und sich insofern auch gut für eine breitenwirksame Debatte eignet. Die 37 Kommentare kritisieren nicht nur den Aberglauben bzw. empfehlen, ein gebrochenes Herz als Kardiomyopathie zu operationalisieren, sondern verweisen teilweise auch auf ein grenzwissenschaftliches Wissen, in dem sogar eine spirituelle Funktion des Herzens nicht von vornherein abgetan werden kann.

Das dritte Thema ist mit dem Problem der Wachkomadiagnose noch am stärksten innerwissenschaftlich ausgerichtet (bei einer gleichzeitigen starken Anwendungsorientierung). Mit 13 Kommentaren ist es auch das am wenigsten kommentierte. Dafür wurden jedoch die beiden letzten Beiträge 21 bzw. 62 mal kommentiert – es ging um die Verleihung des Friedensnobelpreises an Al Gore. Auch diese beiden Beiträge drehen sich nicht explizit um Wissenschaft. Stattdessen geht es um mediale Berichterstattung, insbesondere der Washington Post, die als neokonservatives Sprachrohr beschrieben wird, sowie die Diskussion des politischen Profil Gores und die Frage, wofür er den Preis eigentlich bekommen hat.

Diese fragmentarische Momentaufnahme der ScienceBlogs (ich hoffe, die Verzerrung ist in diesem sonntäglichen Minisample nicht zu erheblich) gibt für mich einen Hinweis darauf, dass das US-amerikanische Wissenschaftsbloggen die größte Aufmerksamkeit mit Fragen generiert, die sich mit der (gefährdeten) Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft auseinandersetzt oder gar Anschlüsse an die Evolutionismus-vs.-Intelligent-Design-Debatte aufweist. Dabei zeigt sich zudem, dass es sich (zumindest in den hier betrachteten Themen) um eine weitgehend nationale Debatte handelt: auch der (internationale) Friedensnobelpreis wird schnell in den Rahmen der US-Medienlandschaft sowie der kommenden Präsidentschaftswahl gestellt.

Die Frage lautet nun: Wenn man diese beiden kulturellen Unterschiede (hinsichtlich der Blog- und Kommentarpraktiken sowie der Wissenschaftskommunikation) ernst nimmt, wie könnte ein Modell des Wissenschaftsbloggens aussehen, dass auch in der deutschsprachigen Blogosphäre funktionieren würde? Ich bin gespannt. Auf der anderen Seite: ist die textbasierte Wissenschaftskommunikation (sei es in Blogs, Magazinen oder Zeitungen) wirklich die einzige denkbare? Oder müsste man nicht gleichzeitig auch den Blick für neue Formen der audiovisuellen Wissenschaftskommunikation schärfen – ich denke zum Beispiel an den großartigen filmischen Web 2.0-Essay des Ethnologieprofessors Mike Wesh?



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  • 4 Responses to “Wissenschaftskultur und Blogkultur”


    1. 1 Marc | Wissenswerkstatt

      Zum ersten Punkt:
      Ich denke (nachdem ich die “Muster” deiner ersten Analysen gesehen habe) tatsächlich auch, daß die nationalen/kulturellen Unterschiede im Hinblick auf Nutzung, Akzeptanz und Vernetzung der Blogs untereinander eben durch eine Netzwerkanalyse entschlüsselt werden können. Wenn dies durch eine eher konventionelle Userbefragung ergänzt wird, sollte man ganz gut die Eigenarten herausfiltern können.
      Was mich ganz aktuell verwundert: ich selbst habe erst gestern vom weltweiten “Blog Action Day” (http://www.blogactionday.org/de) erfahren. Alles superprofessionell aufgezogen, durchaus adäquate Vorlaufzeit, prominente Unterstützer… aber hier in Deutschland wurde der Tag bislang kaum wahrgenommen… Wie ist das zu erklären? Wurde keiner der hiesigen Top-Blogger von den internationalen Organisatoren angesprochen?

      Zum zweiten Punkt, den Wissenschaftsblogs:
      Ich hoffe nicht, daß deine Momentaufnahme tatsächlich ein angemessenes Spiegelbild der US-Scienceblogs abliefert. Zwar sind die Fragen sicherlich im wissenschaftlichen Kontext diskutabel (abgesehen von der – in meinen Augen – müßigen Evolutionismus-Kreationismus-Debatte), aber die aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen bieten doch deutlich mehr an Gesprächsstoff, als hier sichtbar wird. Man merkt freilich sehr, daß die aktuellen Diskussionen in den USA stark politisch bzw. religiös/spirituell aufgeladen sind. Für Europa sehe ich hier eine weniger starke “Kontamination” durch diese Fragen.

    2. 2 Marcel Reichart

      Ich halte es für eine aufschlussreiche Analyse des “Minisampels”, dass ein Medium wie Scienceblogs gerade in Randbereichen von Wissenschaft in die Gesellschaft hinein zu Konversation führt. SEED tritt ja an mit “Science is culture”. Und entsteht nicht Kommunikation in diesen Randbereichen und wo liegen gesellschaftliche Konversationspotentiale? Welchen Strukturwandel von (digitaler) Öffentlichkeit erleben wir?

      Es ist doch interessant zu sehen, welche Kommentarkultur sich auf den Nachrichtenportalen (Ich zitiere hier Focus.de, weil mir von Burda her bekannt) bildet. In diesem Zsg. halte ich auch Clay Shirkey für lesenswert und den Hinweis auf die Netzwerkanalyse für hilfreich.

      Zur Kreationismus-Debatte frage ich mich, warum ein so starkes Gefälle zwischen den USA und Europa besteht. Der Stern hat ja mit Dawkins aufgemacht vor kurzem. Wird diese Debatte kommen oder greift sie im säkularen Europa gar nicht? Andere Wissenschaftsthemen scheinen bei uns stärker aufgenommen wie Atomkraft, Gentechnik, Klimaschutz, der freie Willen.

    3. 3 Benedikt

      @Marc: Ich mag den Ausdruck “Kontamination” in diesem Zusammenhang nicht so sehr, denn ich glaube, dass gerade (oder nur?) diese Randgebiete der Wissenschaft das Potential haben, intensive Diskussionen in Weblogs hervorzurufen. Dort entstehen Kontroversen, an denen sich auch Nicht-Wissenschaftler beteiligen können. Das passt dann aber natürlich nicht mehr in den klassischen Wissenschaftsbegriff, der generell die Wissenschaftskommunikation als mehr oder weniger irrelevant abstempelt. Mit Luhmann gesprochen: Wissenschaftsblogs werden dadurch spannend, dass sie verschiedene Subsysteme der Gesellschaft in Kontakt bringen. Sie sind Scharniere.

      @Marcel: Der Claim “Science is Culture” trifft die Sache auf doppelte Weise sehr gut. Zum einen in der Erkenntnis, dass Wissenschaft immer in der Gesellschaft verortet werden muss und nicht mehr als Elfenbeinturm funktioniert (Gullivers Laputa). Zum anderen aber auch – und da hat die Wissenschaftsforschung z.B. aus der Feder von Knorr-Cetina einige spannende Beschreibungen anzubieten – in dem Sinne, dass Wissenschaft selbst eine spannende “Kultur” darstellt mit eigenen Ritualen, Bildersprachen, Verhaltenscodes u.s.w. Weblogs können einen Einblick geben, was es mit dem “Living the Scientific Life” auf sich hat.

      Übrigens sieht man die zentrale Bedeutung der Evolutionismus/ID-Debatte in den USA auch an automatischen Wissenschaftsblogaggregatoren wie Postgenomic. An dritter Stelle der häufigsten Tags in Wissenschaftsblogs steht: “evolution” und an fünfter Stelle “religion”. Das sieht in Deutschland sicher anders aus. Leider ist mir kein analoges Instrument bekannt. Vielleicht sollte ich einmal etwas ähnliches für die (wenigen) deutschen Wissenschaftsblogs entwerfen?

      Es gibt auch in Deutschland ein paar Gruppen, die versuchen, das Thema Evolutionismus stärker auf die Agenda zu setzen. Zu nennen wären beispielsweise die Brights, die immerhin auch bloggend in Erscheinung treten. Ich denke auch, dass diese Debatte zumindest in näherer Zukunft bei uns keine so große Rolle spielen wird, sondern dass es tatsächlich die genannten Themen Atomkraft, Gentechnik, Klima, Willensfreiheit sowie der demographische Wandel sein werden, die im deutschen Kontext wichtiger sind.

      Das Faszinierendste ist wohl die Entwicklung, dass Wissenschaftler durch Weblogs in einen direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit oder besser: mit wissenschaftsinteressierten Communities kommen können. Das hat ein bisschen etwas von dem Entstehen der ersten wissenschaftlichen Gesellschaften im 17./18. Jahrhundert, nur dass die neuen “Societies” ganz andere Kommunikationsmuster aufweisen.

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