Online wie Offline. Zimmermann über Online-Öffentlichkeiten

In der aktuellen Ausgabe des Berliner Journals für Soziologie schreibt Ann C. Zimmermann in einem Beitrag über “Online-Öffentlichkeiten als Gegenstand empirischer Forschung“. Zugespitzt geht es darin um die Frage, inwiefern sich internetspezifische Öffentlichkeiten von massenmedialen Öffentlichkeiten (hier: Printpresse) unterscheiden. Einleitend wird zunächst der verwendete Begriff der Öffentlichkeit (und die Differenzierung in Begegnungs-, Versammlungs- und massenmediale Öffentlichkeiten) sowie bisherige Forschungsergebnisse zu den Implikationen von Online-Öffentlichkeiten vorgestellt. Zimmermann kritisiert an der Forschung, dass zum einen normative Betrachtnungsweisen vorherrschen und zum anderen das Internet (gemeint ist wohl das WWW) vor allem als Diskussionsforum wahrgenommen wird und internetspezifische Formen von Öffentlichkeit zuwenig beachtet werden.

Anschließend wird zwischen zwei möglichen Folgen von Internetöffentlichkeiten unterschieden:

  1. Ein indirekter Einfluss des Internets auf die herkömmlichen Öffentlichkeiten (z.B. Journalisten, die im Netz recherchieren), sowie
  2. ein direkter Einfluss des Internets auf Strukturen medialer Öffentlichkeit (z.B. durch direkte Kommunikationswege unter Ausschaltung der üblichen Gatekeeper).

Dabei wird besonders die Rolle der Suchmaschinen als neue Gatekeeper (“vertikale hierarchische Selektion”) sowie die Möglichkeit der horizontalen Netzwerkselektion durch die Verlinkung der Webseiten untereinander hervorgehoben. Die Aussage, “dass Suchmaschinen im Vergleich zu herkömmlichen Medien deutlich demokratischere Kriterien anlegen” würde ich jedoch vor dem Hintergrund des neu entstandenen Geschäftsfeldes der Suchmaschinenoptimierung noch einmal überdenken. Auch die Feststellung, es sei “letztlich irrelevant, wie sich dieser Rankingprozess [der Suchmaschinen, BK] genau gestaltet” halte ich für problematisch, da doch gerade dieser Rankingprozess einen großen Einfluss auf die Sichtbarkeit der politischen Äußerungen ausübt (und insofern eine Selektionsmacht besitzt, die für Offline-Öffentlichkeiten kein Pendant kennt). Die Schwierigkeiten, Webseiten und Zeitungen zu vergleichen, zeigen sich auch darin, dass es für die übliche Abdeckung des Links-Rechts-Spektrums im Internet keine Entsprechungen zu geben scheint: Sind Google, Live.com oder Digg links oder rechts?

Als Ergebnis zeigt sich eine überraschend starke Dominanz der Medienakteure auch in den Online-Öffentlichkeiten. Unter den analysierten deutschen Informationsangeboten (weit oben gerankte Webseiten zu sieben ausgewählten Politikfeldern) sind nur 2% private Inhalte neben 47% medialen, 21% staatlichen, 17% zivilgesellschaftlichen und 12% auf sozioökonomische Interessengruppen bezogenen. In den UK sind es sogar 75% mediale Inhalte, während in Frankreich die staatlichen (und parteiendemokratischen) Inhalte mit 42% dominieren.

Die Erhebung stammt aus dem Jahr 2002, sodass sich die spannende Frage stellt, inwiefern sich diese Struktur durch das Aufkommen von Weblogs und vor allem der Wikipedia verändert haben könnte. Darüber hinaus ist fraglich, ob die getroffene Unterscheidung zwischen Medienanbietern und Medienakteuren in dieser Form noch aufrechterhalten werden kann: Zu welcher Akteursgruppe würde man die Wikipedia bzw. die Wikipedia-Autoren zählen? Oder: würde man ein auf twoday oder wordpress gehostetes Blog als “abhängige Online-Präsenz” werten? Zimmermann kommt außerdem zu dem Ergebnis:

Das vergleichsweise junge Medium Internet hat folglich auf der hier untersuchten Ebene bereits relativ stabile Muster herausgebildet, die sich in allen Untersuchungsländern finden lassen und sich zudem in den meisten Fällen kaum von den Mustern unterscheiden, die in herkömmlichen Medien zu finden sind.

Zu einem Zeitpunkt, an dem die Internetdurchdringung in Deutschland noch deutlich unter 50% gelegen ist und zudem viele Verlage erst damit begonnen haben, eine eigenständige Onlinestrategie zu entwickeln, von “relativ stabilen Mustern” zu sprechen, erscheint mir dann doch etwas zu gewagt. Dennoch hat Zimmermann mit ihrem Aufsatz ein wichtiges Themenfeld umrissen, wenn auch vermutlich der Begriff “Online-Öffentlichkeiten” zu allgemein ist und hier eine weitergehende Differenzierung geboten scheint. Womöglich funktioniert Öffentlichkeit in MUDs, Blogs, Foren, Mailinglisten, Onlinejournalen gar nicht auf dieselbe Weise?

(Abbildung: “Die Schauspieler der Gesellschaft: Endlich hat die Zeitung mein ‘Sehr gut’ ausführlich gebracht…”, Honoré Daumier, 1844, Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)



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