Welchem Medium vertrauen die Leser?

trust.pngIn einer aktuellen Umfrage hat TNS Emnid nach dem Vertrauen in unterschiedliche Informationsquellen gefragt (Pressemitteilung als pdf). Und welche Quelle genießt in der Umfrage bei den 1048 Befragten mit nur 20% das geringste Vertrauen? Richtig: das Internet. Nur haben die Meinungsforscher anscheinend noch etwas Schwierigkeiten mit diesem neuen Ding. Sie sprechen in der Pressemitteilung von “Mediengattungen wie Internet, Lokalzeitung, Zeitschriften, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Privatfernsehen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk und privater Rundfunk.”
Irgendwie bekomme ich die Begriffe aber nicht nebeneinander. Denn das Internet – wahrscheinlich ist damit gemeint: das WWW – kann alles und noch mehr sein: Lokalzeitung, Zeitschrift, Fernsehen und Rundfunk.
ebersberger.png Man braucht sich nur das Beispiel der Ebersberger Nachrichten ansehen, einer Lokalzeitung, die ausschließlich im WWW veröffentlicht wird. Und welche Gründe werden für das schlechte Abschneiden des Internet genannt? Nach Michael Voß

tragen Software-Sicherheitslücken oder eine allgemeine Verunsicherung durch Meldungen über bzw. eigenen Erfahrungen mit Trojanern, Viren oder Spysoftware mutmaßlich zu diesem Vertrauensdefizit bei.

Genau das ist das Problem mit vielschichtigen Konzepten wie Vertrauen: es kann sowohl das Vertrauen in die Wahrheit einer Meldung gemeint sein, das Vertrauen in die Authentizität eines Autors oder aber in das Funktionieren einer Technik. Wenn sich auf einmal Konzepte wie Kompetenz (Lokalzeitung) und Spyware (Internet) gegenüberstehen, sollte man doch noch einmal überlegen, ob man wirklich das gemessen hat, was man messen will. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Thomas Pleil, der die Befragung für “etwas unglücklich formuliert” hält.

Interessanterweise ist gerade eben eine Studie von McKinsey erschienen, die danach fragt, welche Eigenschaften eine Nachrichtenquelle im Internet haben muss. Das Ergebnis: es geht nicht um Qualität, sondern vor allem um Bequemlichkeit und die Breite der Berichterstattung als um Aktualität oder gar Richtigkeit, Informationstiefe, Exklusivität. (via sowie). Möglicherweise muss der von Emnid beobachtete Vertrauensmangel gar nicht als Defizit formuliert werden, sondern ist nur Ausdruck dafür, dass man es hier mit völlig unterschiedlichen Informationsstrategien und -nachfragen zu tun hat?

(Abbildung: Francisco de Goya y Lucientes: “Vertrauen”, 1796–1797, Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)



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  • 3 Response to “Welchem Medium vertrauen die Leser?”


    1. 1 Jan Schmidt

      Ach ja, den Fehler sieht man leider öfter, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Eigentlich müsste man dem Internet dann z.B. “Papier” gegenüberstellen…

    1. 1 Quantitatives Weiter-So der Internetnutzung at viralmythen
    2. 2 Journalisten haben herausgefunden: Bloggen ist Kinderkram at viralmythen

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