Daily Archive for September 19th, 2007

Welchem Medium vertrauen die Leser?

trust.pngIn einer aktuellen Umfrage hat TNS Emnid nach dem Vertrauen in unterschiedliche Informationsquellen gefragt (Pressemitteilung als pdf). Und welche Quelle genießt in der Umfrage bei den 1048 Befragten mit nur 20% das geringste Vertrauen? Richtig: das Internet. Nur haben die Meinungsforscher anscheinend noch etwas Schwierigkeiten mit diesem neuen Ding. Sie sprechen in der Pressemitteilung von “Mediengattungen wie Internet, Lokalzeitung, Zeitschriften, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Privatfernsehen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk und privater Rundfunk.”
Irgendwie bekomme ich die Begriffe aber nicht nebeneinander. Denn das Internet – wahrscheinlich ist damit gemeint: das WWW – kann alles und noch mehr sein: Lokalzeitung, Zeitschrift, Fernsehen und Rundfunk.
ebersberger.png Man braucht sich nur das Beispiel der Ebersberger Nachrichten ansehen, einer Lokalzeitung, die ausschließlich im WWW veröffentlicht wird. Und welche Gründe werden für das schlechte Abschneiden des Internet genannt? Nach Michael Voß

tragen Software-Sicherheitslücken oder eine allgemeine Verunsicherung durch Meldungen über bzw. eigenen Erfahrungen mit Trojanern, Viren oder Spysoftware mutmaßlich zu diesem Vertrauensdefizit bei.

Genau das ist das Problem mit vielschichtigen Konzepten wie Vertrauen: es kann sowohl das Vertrauen in die Wahrheit einer Meldung gemeint sein, das Vertrauen in die Authentizität eines Autors oder aber in das Funktionieren einer Technik. Wenn sich auf einmal Konzepte wie Kompetenz (Lokalzeitung) und Spyware (Internet) gegenüberstehen, sollte man doch noch einmal überlegen, ob man wirklich das gemessen hat, was man messen will. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Thomas Pleil, der die Befragung für “etwas unglücklich formuliert” hält.

Interessanterweise ist gerade eben eine Studie von McKinsey erschienen, die danach fragt, welche Eigenschaften eine Nachrichtenquelle im Internet haben muss. Das Ergebnis: es geht nicht um Qualität, sondern vor allem um Bequemlichkeit und die Breite der Berichterstattung als um Aktualität oder gar Richtigkeit, Informationstiefe, Exklusivität. (via sowie). Möglicherweise muss der von Emnid beobachtete Vertrauensmangel gar nicht als Defizit formuliert werden, sondern ist nur Ausdruck dafür, dass man es hier mit völlig unterschiedlichen Informationsstrategien und -nachfragen zu tun hat?

(Abbildung: Francisco de Goya y Lucientes: “Vertrauen”, 1796–1797, Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)



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    Einigen Wirbel haben die deutschen Nutzerstatistiken von comScore ausgelöst. Von knapp 33 Millionen gemessenen Unique Visitors insgesamt entfielen knapp 15 Mio auf soziale Netzwerkanwendungen. Unter diesen liegt MySpace mit 3,7 Mio deutlich vor StudiVZ (3,1 Mio) und Jux.de (2,6 Mio). Auch europaweit liegt MySpace vorne und konnte überdies von 20,3 Mio im Juni 2007 auf einen Wert von 25,2 im Juli stark zulegen. Das ist aber nichts gegen das europaweite Wachstum von Facebook: hier ging es von 2,1 Mio im Juni auf unglaubliche 10,8 Mio Unique Visitors im Juli.

    Für Robert Basic sind die Zahlen Anlass, das Thema Social Networks erst einmal ad acta zu legen, bis sich auf dem Sektor etwas wirklich neues tut:

    Na ja, es ist nicht mehr ein Ding der frühen Nutzer (early adaptors), sondern offensichtlich im Massenmarkt angekommen (siehe crossing the chasm). War ein sehr langer und weiter Weg seit 2002 mit Friendster, der Mother of all Social Networks.

    Im Anschluss fasst er noch einmal die Entwicklungen von Friendster über MySpace bis hin zu Facebook zusammen. Sein Fazit ist, dass jetzt erst einmal eine Vervielfältigung des Social Networking (sowohl in vertikaler als auch in horizontaler Dimension) stattfinden wird. Jeder Zielgruppe ihr eigenes Netzwerk. Außerdem gibt es mittlerweile die ersten Anbieter von (z.T. unter der GPL veröffentlichten) DIY-Kits, mit deren Hilfe man sich selbst ein eigenes Netzwerk aufsetzen kann, wenn man sich nicht die Mühe sparen will und eine gehostete Lösung ausprobieren will (“White Label Social Networks”). Tabellen, in denen die wichtigsten Anbieter auf diesem Gebiet miteinander verglichen werden, kann man sich hier und hier ansehen.

    Über die Reichweite der Social Networking-Plattformen kann man sich also mittlerweile ein Bild machen. Was mich interessieren würde: Wie sehen denn die Nutzer der verschiedenen Communities aus? danah boyd hatte in ihrem umstrittenen Aufsatz “Viewing American class divisions through Facebook and MySpace” Klassenunterschiede zwischen MySpace- und Facebookbenutzern diagnostiziert. Lässt sich das Muster auch auf Deutschland übertragen? Gibt es Segmentierungs- oder Nivellierungsprozesse im Social Networkingbereich? Da es sich hierbei um Fragen handelt, die für die Platzierung zielgruppenspezifischer Werbung entscheidend ist, vermute ich, dass es nicht lange dauern wird, bis es auch hierzu Material geben wird.



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    bibliothek.pngIm Zusammenhang mit der Meldung der NY Times ist auch auf den Dienst von Zenodot hinzuweisen, einem Ableger des Berliner Verlags Directmedia Publishing, der auf seiner Webseite hinter einer angenehm reduzierten Suchmaske den Volltext-Zugriff auf zahlreiche Nachschlagewerke der Digitalen Bibliothek ermöglicht. Mit dabei sind nicht nur Lexika (Brockhaus, Herder oder Pierer), sondern auch philosophische Wörterbücher (Eisler, Kirchner, Mauthner), Werke zu Geschichtswissenschaft (Mommsen, Burckhardt, Droysen), Mythologie und Kulturgeschichte sowie die digitale Ausgabe der Werke von Max Weber und Franz Kafka.

    Finanziert werden soll das ganze vermutlich über Google-Anzeigen, die bislang allerdings nur auf der Startseite eingeblendet werden. Die Abfragen gehen angenehm schnell, wenn auch z.B. an der Bezeichnung der Bände noch etwas gearbeitet werden könnte. Oder ist allgemein bekannt, dass mit friedländer das spannende Werk “Interessante Kriminalprozesse” gemeint ist? Demnächst sollen auch noch die verschiedenen Literaturanthologien der Digitalen Bibliothek hinzukommen: “allen vorweg natürlich die “Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky”, außerde die Weltliteratur, die Erotische Literatur, die Autobiographien, die Faust-Anthologie … und weitere Lexika.”
    (Abbildung Pietro Longh: “Besuch in der Bibliothek” (um 1741). Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)



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    bibel.pngAls die Zeitungsverlage ihre Webpräsenzen immer weiter ausbauten, bis schließlich ihr gesamter Content auch im Internet abgerufen konnte, wurde die Frage nach dem Geschäftsmodell dringlich. Zahlreiche Verlage haben sich dazu entschlossen, in alter Web 1.0-Manier die Nutzer für die Inhalte zahlen zu lassen. Sie haben also nach einer mehr oder weniger langen Open Content-Episode das bewährte Geschäftsmodell der Pornoanbieter im Netz übernommen: pay for your fun.

    Momentan lässt sich jedoch aus einigen Meldungen herauslesen, dass die Verlage in dieser Beziehung wieder einmal den Kurs ändern. So stellt zum Beispiel die New York Times fest, dass mittlerweile so viele Besucher über Suchmaschinen auf die digitalen Seiten der Zeitung kommen, dass es finanziell unklug wäre, diesen potentiellen Lesern (und AdClicks) die Artikel vorzuenthalten. Die Einbuße durch den Wegfall der Online-Abogebühr, so das Kalkül des Verlags, würden durch die zusätzlichen Page Views und AdClicks mehr als ausgeglichen werden. John Battelle freut sich darüber, dass die Verlage nun endlich das Modell der suchmaschinenorientierten Point-to-Economy verstanden haben “and now they will be getting all the search juice they richly deserve.” Duncan Riley geht noch darüber hinaus und sieht das Ende des Pay-for-Content-Geschäftsmodell nahen und kommentiert den Schritt der New York Times wie folgt:

    Most importantly: this is a win for all of us. The notion of paying to access content is flawed in a connected online world where virtually everything is free, particularly content. Companies such as the NY Times can make money from providing content for free.

    Dabei geht es nicht nur um die aktuellen Ausgaben, sondern auch das Archiv von einer Zeittiefe von immerhin 91 Jahren ist jetzt für jeden interessierten Leser erreichbar. Die Zeit ist diesen Schritt schon vor ein paar Wochen gegangen und hat ihr Archiv mit sämtlichen Print- und Onlineausgaben geöffnet.

    Aber auch das Medienunternehmen News Corp. beschäftigt sich, wie gerade bekanntgeworden ist, mit Gedankenspielen dieser Art. Es geht darum, ob auch die Onlineausgabe des Wall Street Journal kostenfrei erhältlich sein wird, aber eine definitive Entscheidung liegt noch nicht vor. Schätzungen für ein paar andere wichtige Printprodukte stellt Kathrin Passig an:

    Es kann jetzt nur noch ungefähr weitere 245 Jahre dauern, bis FAZ/FAS, Süddeutsche, taz, Frankfurter Rundschau, Spiegel, Focus, Standard und NZZ durch Nachdenken zu derselben Einsicht gelangen.

    (Abbildung aus Wikipedia)



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