Habermas, Weblogs und die Mode 2-Wissensproduktion

Ich habe mir nach den mittlerweile sehr interessanten Diskussionen hier und hier das, was ich in diesem Beitrag geschrieben habe, noch einmal durch den Kopf gehen lassen:

Dabei halte ich die These für sehr plausibel, dass »each academic knows only a few areas as an academic; most of the rest he knows mainly as a consumer of popular media«. Insofern ist die Trennung zwischen fachlichen und massenmedialen Wissenskommunikationen eine künstliche.

Per Zufall bin ich dann heute bei der Lektüre von Jürgen Habermas’ Text “Verwissenschaftlichte Politik und öffentliche Meinung” aus dem Jahr 1963 auf eine ganz ähnliche Formulierung gestoßen:

Physiker informieren sich etwa aus dem Time Magazine über neue Entwicklungen in Technik und Chemie (141).

Insbesondere der Wissenschaftsjournalismus wird hier als notwendiger Übersetzungsapparat in hochgradig ausdifferenzierten Wissenschaftssystemen angesehen, zum Beispiel, wenn es gilt, Inter- oder Transdiziplinarität herzustellen. Dabei ist es notwendig, auch den “weiten Weg über die Umgangssprache und das Alltagsverständnis des Laien” (141) zu nehmen, wie Habermas weiter feststellt. Hinter dem ganzen steht freilich das Ideal einer “kollektiven Nutzung der Informationen auf der Grundlage einer freizügigen Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit” (142-3).

Um das Thema Transdisziplinarität noch einmal aufzugreifen: Vielleicht wäre es lohnenswert, einmal zu untersuchen, ob sich Weblogs in diesem Bereich (also bloggende Professoren sowie Wissenschaftsblogs) nicht als Merkmal der Mode-2-Wissensproduktion sehen lassen. Denn diese zeichnet sich gerade dadurch aus, transdisziplinäre Herangehensweisen zu fördern, nicht-wissenschaftliches Wissen einzubeziehen, selbstreflexiv vorzugehen, gesellschaftliche Desiderate ernst zu nehmen sowie auf netzförmigen, vorübergehenden Kooperationen zu beruhen. Allesamt Merkmale, die gar nicht so weit von der Praxis des Bloggens entfernt sind.



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  • 3 Responses to “Habermas, Weblogs und die Mode 2-Wissensproduktion”


    1. 1 Marc | Wissenswerkstatt

      Nach dem ersten Durchlesen: ich stimme voll und ganz zu! :-)

      Und schön, daß man durch 45 Jahre alte Habermas-Texte hier wieder Bezüge bzw. Bestätigung findet. Und vielleicht sollte ich meine eigene Fragestellung, die ich evtl. bis in zwei Wochen noch in einen Projektantrag transformieren möchte, noch irgendwo um die Aspekte der Science-Blogs/Experten-Laien-Dialog erweitere (Die Frage lautet bislang nämlich, ob im Übergang von Wissenschaft im “Mode1″ zum “Mode2″ tatsächlich sowas wie Lernen und im Ergebnis ein Erkenntnisgewinn durch transdisziplinäre Zusammenarbeit festzustellen ist… Details zu meinem Ansatz finden sich hier )

    2. 2 Benedikt

      Gerade in den 45 Jahre alten Texten. Die sind z.T. aktueller als die aktuellen Sachen ;-)

      Es wäre auch einmal spannend, vor dem Hintergrund des Mode 2-Konzepts nachzusehen, ob nicht auch die Wissenschaftskommunikation in Weblogform an die Wissenschaft vor ihrer modernen universitären Institutionalisierung im 19. Jahrhundert anknüpfen (wenn auch auf massiv veränderter technologischen Grundlage).

    1. 1 TWITTER, Blogs und Wissenschaft « Seitenhiebe

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