Die Framing-Science-Debatte

pandora.pngEine der interessanteren Debatten auf dem Feld der Wissenschaftskommunikation dreht sich um den Artikel “Framing Science“, den Matthew Nisbet und Chris Mooney in der Aprilausgabe von Science veröffentlicht haben. Darin vertreten sie die These, dass die “Rahmung” (framing) von wissenschaftlichen Informationen entscheidend ist, um sie für bestimmte Öffentlichkeiten interessant und relevant zu machen. Einige Beispiele aus aktuellen (und in der Öffentlichkeit ausgetragenen) wissenschaftlichen Debatten machen deutlich, was die Autoren mit dem Begriff meinen. So kann zum Beispiel die Frage nach der globalen Erwärmung auf der einen Seite in einen skeptischen Rahmen (“wissenschaftliche Unsicherheit”) oder einen ökonomischen Rahmen eingebettet werden (“ökonomische Kosten”). Auf der anderen Seite kann man das Problem aber auch als “Büchse der Pandora” beschreiben (vgl. Abbildung, Quelle: Wikipedia) bzw. nach “Alarmsignalen” suchen. Für einen Wissenssoziologen sind das keine neuen Erkenntnisse, verwandte Phänomene sind unter Begriffen wie “Interpretationsfiguren”, “Deutungsmuster” oder “Storylines” zentrale Bestandteile der qualitativen Diskursanalyse.

Dass der Artikel, der mit einem Plädoyer für eine zielgruppensensibleres Vorgehen der Wissenschaftler auf der öffentlichen Bühne endet (“In short, as unnatural as it might feel, in many cases, scientists should strategically avoid emphasizing the technical details of science when trying to defend it”), in den USA eine derart große Resonanz hervorrufen konnte, dass z.B. auf dieser Seite hunderte Links zu Reaktionen auf den Beitrag aufgelistet sind (oftmals wieder mit zahlreichen Kommentaren) oder, dass die beiden Autoren seit einiger Zeit nahezu täglich in den Universitäten der USA zu dem Thema vortragen, ist ein Indiz dafür, dass die wissenschaftliche Öffentlichkeit mittlerweile “reif” für eine derartige kritische Intervention zu sein scheint.

Sieht man näher hin, dann erkennt man, dass es vor allem Wissenschaftsblogs sind, die sich in der Folge mit diesem Thema auseinandersetzen. Auf der einen Seite: Science 1.0, also Wissenschaftler, die jegliche Anpassung ihrer Wissenschaftskommunikationen an politische oder massenmediale Kontexte als Verrat an den ewigen Idealen der Wissenschaft sehen (“Manipulation”) und die Framing-Science-Debatte als ketzerisch empfinden. Auf der anderen Seite: Science 2.0, in der die strikte Trennung zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik infrage gestellt wird – häufig findet man hier einen ausgesprochen kulturalistisches Verständnis von Wissenschaft – und “Framing” (auch unter anderen Begriffen wie “Pädagogik” oder “Spin”) als alltäglicher Teil der wissenschaftlichen Arbeit und Kommunikation verstanden wird. Hier wird dann die Feststellung, dass “citizens do not use the news media as scientists assume” relevant. Anzunehmen ist, dass gerade Wissenschaftsblogger sich mit genau dieser Schlüsselfrage von Science 2.0 immer intensiver auseinandersetzen (müssen): Woher können wir überhaupt wissen, wie die Leute Wissenschaftskommunikationen gebrauchen bzw. verstehen?

Aber ist nicht diese Debatte selbst ein schönes Beispiel für die Rahmung wissenschaftlicher Diskurse? Sind nicht Science 1.0 bzw. Science 2.0 mit den oben genannten Schlagwörtern “Manipulation” vs. “Pädagogik” immer auch als politische Strategien zu verstehen, eine wissenschaftliche Debatte (auch hier: vergleichsweise unabhängig von den tatsächlichen zugrundeliegenden Details) in Übereinstimmung mit den eigenen Einstellungen oder Interessen zu rahmen? Aber, um die Heftigkeit der Debatte in den USA (aus deutschsprachigen Medien sind mir nur einige vereinzelte Beiträge bekannt) zu erklären, muss man noch einen weiteren Rahmen in Betracht ziehen: die Kreationismus/Intelligent Design-Debatte, die in dem ursprünglichen Beitrag nur am Rande gestreift wurde (“[M]any scientists not only fail to think strategically about how to communicate on evolution, but belittle and insult others’ religious beliefs”), aber von vielen Kommentatoren in den Mittelpunkt gestellt wurde. Nisbet und Mooney mussten also selbst erfahren, wie sie auf einmal in einen Rahmen gebracht wurden, der beinhält, auch Pseudowissenschaften anzuerkennen.



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