Tis all in pieces, all coherence gone – Wissenschaftskommunikation im Web 2.0

god.pngAm 22. September wird Marc vom Wissenswerkstattsblog in Bamberg etwas über den “schwierigen Weg zur Wissenschaft 2.0″ erzählen. Darin wird es (sofern sich der Vortrag nicht allzustark von diesem ersten Abstract weg entwickelt hat) vor allem um die spannede Frage gehen, warum die akademische Welt so große Schwierigkeiten hat, sich dem neuen Netz zu öffnen. Mit einigem systemtheoretischen Theoriefundament kommt Marc dann zu seiner These: “so wie sich das Internet gerade in der Spielart des Web 2.0 präsentiert und konstituiert, stellt es eine Provokation und gleichzeitig eine Heraus­forderung für das etablierte Wissenschaftssystem und seine tradierten Publikationspraxen dar.” Vor allem die folgenden vier Punkte beschreiben die Probleme der Wissenschaft (welcher eigentlich? bzw: gilt dies auch für die Naturwissenschaften?) mit dem Read/Write-Web:

  1. Das grundlegende Erfordernis, die Systemgrenzen der “Wissenschaft” stabil zu halten (Stichwort: “Wahrheitsfähigkeit”), verhindert eine allzu große Öffnung zu anderen Gesellschaftsbereichen (vulgo: Subsystemen). Aber: Inwiefern ist das wirklich ein Problem? Da Wissenschaftlichkeit ein Kriterium ist, das stets durch einen Beobachter zugewiesen wird, kann dies doch ebenso auf elektronische Kommunikationen und kollaborative Prozesse angewendet werden.
  2. Im neuen Netz wird die Grenze zwischen Wissensproduktion und -darstellung unscharf. Die Frage ist, ob man hier wirklich, gerade von einem systemtheoretischen Unterbau aus, von einer kategorialen Trennung sprechen sollte. Schließlich sind doch beides kommunikative, auf Anschlussfähigkeit ausgelegte Akte (der romantisch-genialische Geisteswissenschaftler, der erst Jahrzehnte nach seinem Tod rezipiert wird, ist sicher eine Extremfigur). Oder: Wissenschaftskommunikation ist Wissensproduktion.
  3. Das kollaborative Schreiben führt zudem dazu, dass Autorschaft nicht mehr einwandfrei zugerechnet werden kann. Dazu würde ich sagen, dass die Zuschreibung von Autorschaft, gerade wenn es um Entdeckungen und Erfindungen geht, schon immer problematisch gewesen ist. Aber dafür haben wir schließlich die Wissenschaftsgeschichte, die dann genau diese Zuschreibungen leistet. Übrigens können auch Wikipedia-Wissenskommunikationen können mit den entsprechenden (neuen) Werkzeugen in ihren Autorenbeiträgen aufgeschlüsselt werden, wie ich gerade gelesen habe (vgl. dazu diesen Beitrag).
  4. Mit dem bisherigen Fokus auf die Frage des Open Access (und damit: der Zirkulation von Wissen) – ich würde an dieser Stelle auch noch auf die ebenfalls einflussreiche Debatte um “Public Understanding of Science” (PUS) hinweisen, in der es ebenfalls vor allem um die Kommunikation und Rezeption bereits produzierten Wissens geht – verstellt sich die Wissenschaft den Blick auf die neue spannende Frage danach, wie Wissen kollborativ und offen produziert werden kann.

Die Frage, die mich an diesem Thema besonders interessiert, wäre allerdings: Entwickeln sich im neuen Netz tatsächlich neue wissenschaftliche Textgenres (also neben dem Artikel, der Monographie und der Presentation)? Gerade dem Bloggen würde ich in dieser Hinsicht ein hohes Innovationspotential zusprechen, da es sich in einem Punkt deutlich von den anderen wissenschaftlichen Textsorten unterscheidet: in der Eindringlichkeit der Kommentierungen. Seitdem es durch das exponentielle Wachstum wissenschaftlicher Veröffentlichungen einer einzigen Person nicht mehr möglich war, alle relevanten Texte auch nur im eigenen Fachgebiet vollständig zu rezipieren, konnte man Kommunikationen (Nachfragen, Kritiken, Vorschläge) ignorieren ohne damit ein großes Risiko einzugehen. Genau das ist in Weblogs nicht möglich, da die Antworten auf die eigenen Texte am selben Ort erscheinen wie die Ausgangstexte. Das Ignorieren wird damit beobachtbar und nahezu zwangsläufig zugerechnet. Oder anders ausgedrückt: das Prinzip der Anschlussfähigkeit gerät sehr viel stärker ins Blickfeld des Autors sowie anderer Beobachter.

Interessanterweise wurde gerade jetzt wieder einmal die Frage nach den “bloggenden Professorengestellt und die zahlreichen Antworten demonstrieren, dass man hier eigentlich nicht mehr von einem Ignorieren des Web 2.0 sprechen kann. Eine wachsende Zahl von Akademikern in unterschiedlichen Disziplinen streckt ihre Fühler schon in diese Richtung aus.

Und noch etwas: Gerade ist Burda bei der US-amerikanischen Seed Media Group eingestiegen, die man nicht nur ihres interessanten Seed Magazines wegen im Auge behalten sollte, sondern auch, weil dazu mittlerweile bereits 65 Wissenschaftsblogs gehören. Und wie sehen die Pläne der Burda Media Group aus? Nach Marcel Reichart, Geschäftsführer für Forschung und Entwicklung, soll bereits im nächsten Jahr die deutsche Version von Scienceblogs starten.



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  • 11 Responses to “Tis all in pieces, all coherence gone – Wissenschaftskommunikation im Web 2.0”


    1. 1 Marcel Reichart

      Lieber Benedikt, ich würde mich freuen, wenn wir zum public understanding of science in einen Dialog kommen. Beste Grüsse Marcel Reichart

    2. 2 Marc | Wissenswerkstatt

      Wie mein Vortrag letztlich aussehen wird, steht noch nicht endgültig fest. Inhaltlich steht er natürlich zu 70-80%, aber ich werde schon gleich ein wenig die avisierte Wissenschaft2.0 anwendend erproben, nämlich: die Kommentare und auch deine Stellungnahme hier noch berücksichtigen und ggf. meine Akzentsetzung variieren.

      Wirklich gravierend werde ich von meinen Abstract bzw. Blogposting von vorgestern allerdings nicht abweichen. Was Dich und die Zuhörer in Bamberg wohl grundlegend erwartet:

      1. Kurze Abgrenzung, was Wissenschaft2.0 (nach meiner Lesart!) nicht ist und sein soll.
      2. Skizze von einigen Gründen/Aspekten, die möglicherweise mit dafür verantwortlich gemacht werden können, daß – so ja meine These – Wissenschaft bislang nicht im Web2.0 angekommen ist bzw. dessen Möglichkeiten recht großzügig und fahrlässig ignoriert.
      3. Formulierung einer positiven Utopie: Was und wie Wissenschaft2.0 sein könnte. Also Vorteile und Veränderungen gegenüber des derzeitigen IST-Zustandes.

      Die Frage, ob ggf. im und durch das Bloggen ein neues wissenschaftliches Textgenre (Stichwort: Mashup und Kollaboration) entsteht, wird wohl nur ganz am Rande gestreift. Da muß ich dich wohl leider enttäuschen.

      Ich hoffe allerdings, daß ich einige deiner Anmerkungen bzw. Einwände, die Du im Beitrag anführst zerstreuen kann. Bspw. denke ich durchaus, daß eben jede Form der wissenschaftl. Onlinepublikation sich der Frage gegenübersieht, wie sie weiterhin deutlich markiert, daß es sich bei dieser Kommunikation um eine wissenschaftliche (nämlich an Wahrheitskriterien ausgerichtete) Kommunikation handelt. Im Printbereich hat das Wissenschaftssystem hierfür einige Orientierungshilfen etabliert, die aber Online wegfallen. Aber dazu mehr in Bamberg und zu gegebener Zeit in meinem Blog.

      Genauso ist es (behaupte ich), was die Veränderungen im Hinblick auf eine eindeutige Autorschaft betrifft. Du hast fraglos recht, daß das “Konzept Autor” auch seither oftmals als Adressierung von Urheberschaft erst nachträglich und keineswegs zwingend und eindeutig vorgenommen wurde. Dennoch werden wissenschaftliche Aussagen auf identifizierbare Sprecher zugerechnet, was durchaus einige gute Gründe hat. Noch wichtiger ist das “Konstrukt” Autorschaft freilich im Hinblick auf die Notwendigkeiten bzgl. der Aspekte Forschungsförderung, Projektakquise, Karriere… und auch im Hinblick darauf, gibt es eben (so mein Verdacht) gewisse latente Vorbehalte, die eine Umstellung auf Wissenschaft2.0 verzögern…

      Das meine spontanen Anmerkungen; detailliertere Ausführungen zu gegebener Zeit.

    3. 3 Marc | Wissenswerkstatt

      Oh, nachdem ich deinen Artikel nun zum zweiten oder dritten Mal genau lese, habe ich doch noch zwei kurze Anmerkungen:

      1. Dein Hinweis darauf, daß das Blogprinzip von Comments und Pingbacks die Kommentare und Reakionen sichtbar macht, trifft genau meinen zentralen Punkt bzw. den Aspekt, in dem ich einen der Hauptvorteile sehe. Wie Du ja schreibst:

      (Bislang…) konnte man Kommunikationen (Nachfragen, Kritiken, Vorschläge) ignorieren ohne damit ein großes Risiko einzugehen. Genau das ist in Weblogs nicht möglich, da die Antworten auf die eigenen Texte am selben Ort erscheinen wie die Ausgangstexte.

      Genau darauf spiele ich u.a. mit dem Stichpunkt “Dynamisierung des Diskurses” und erhöhter Diskurstransparenz an. Ein paar Argumente mehr dann nächste Woche.

      2. Die sich inzwischen doch einfindenden bloggenden Professoren (ich habe die Sammlung bei Robert Basic auch verfolgt) sind nach meinem Dafürhalten keineswegs ein Indikator dafür, daß die Wissenschaft das Web2.0 entdeckt. Denn auch bislang hatten jede Menge Profs private Webseiten…, die max. 15 bloggenden Professoren sind in meinen Augen also keineswegs ein Zeichen für einen neuen Trend, zumal mind. 50% davon Journalistik oder Medienwissenschaften lehren… [Außerdem meint meine "Idee" der Wissenschaft 2.0 dann doch was anderes, als daß jeder Wissenschaftler seinen eigenen Privatblog betriebe... aber damit genug der Kommentare...]

    4. 4 Benedikt

      @Marcel: Sehr gerne! Es ist schon bemerkenswert, wie auf Konferenzen wie der nächsten WissKom 2007 immer nur von wissenschaftlichen Fachkommunikationen gesprochen wird. Die medialen und politischen Rahmungen wissenschaftlicher Kommunikationen fallen unter den Tisch. Dabei halte ich die These für sehr plausibel, dass “each academic knows only a few areas as an academic; most of the rest he knows mainly as a consumer of popular media”. Insofern ist die Trennung zwischen fachlichen und massenmedialen Wissenskommunikationen eine künstliche. Ich bin überzeugt, dass gerade Wissenschaftsblogger das zunehmend erfahren werden und neue Formen oder Sensibilitäten (v.a. im Kontakt zum außerwissenschaftlichen Publikum, auf dass sie in anderen Publikationsformen kaum Rücksicht nehmen müssen) entwickeln werden.

      Als Soziologe freue ich mich natürlich riesig, wenn mit einer deutschen Variante von scienceblogs eine Art “Realexperiment” zur Erforschung der Unterschiede zwischen der amerikanischen und deutschen Wissenschaftslandschaft gestartet wird. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob es dabei um Wissenschaft als “eines der wenigen globalen Themen” gehen wird, oder ob nicht eher, wie z.B. die Framing-Science-Debatte gezeigt hat (und was überdies noch spannender wäre), die “Rahmung” der Wissenschaftskommunikationen hinsichtlich nationaler (oder europäischer) politischer Diskurse oder Einstellungen / Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft eine (oder gar die) entscheidende Rolle spielen wird.

      @Marc: Danke für die umfangreichen Kommentare, die man ja schon als Beispiel dafür lesen könnte, wie Wissenschaft 2.0 funktionieren könnte. Außerdem schon einmal ein schönes Warm-Up für Bamberg. Ich bin mir sicher, dass uns das Thema noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

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