Die Tyrannei der Authentizität

In der Rockmusik wurden Blut, Schweiß und Tränen schon so oft als einzige Grundlage für das Schaffen wahrer Musik beschworen (die letzte Aktualisierung dieses Denkens war das “keep it real” des Hiphop), dass die Popkritik seit den 1980er Jahren diese Ideologie unter dem Stichwort “Rockismus” abkanzelt und sich lieber mit der Realität einer zu großen Teilen massenindustriell verfertigten Popmusik befasst. Auf einmal taucht in den Debatten um Sinn und Zweck des Bloggens wieder dieses A-Wort auf: “Authentizität”. Gute Blogs, so Cem Basman, müssen authentisch sein. Im Mittelpunkt steht dieser Satz: “Autor und Inhalt stimmen überein und geben nicht vor, etwas anderes zu sein als sie sind.” Man braucht nicht den Tod des Autors beschwören, um eine leise Ahnung zu bekommen, dass mit dieser Forderung etwas nicht stimmen kann. Denn gemeint ist nicht etwa der Autor als Konstruktion, die vor allem in der Blogosphäre immer einschließt, in welchem Medium zu welchem Publikum kommuniziert wird, sondern der Autor als ein Du-Selbst:

Der einzige Rat als halbwegs erfahrener Blogger, den ich jemandem auf dem Weg mitgeben könnte, wäre: Sei authentisch! Sei du selbst!

Seit der modernen differenzierten Gesellschaft kann solch eine Forderung jedoch nur noch als Fiktion, als Fassade aufrechterhalten werden. Das, was hier Du-Selbst genannt wird, zerfällt in viele Teil-Selbste, die in den unterschiedlichen Lebenssphären (Beruf, Familie, Beziehung, Weblog) gelebt werden. Das ist in vielen Fällen nicht so sehr Problem als vielmehr Lösung, Entlastung von der Zumutung, überall mit der “ganzen Person” einstehen zu müssen. Gute Blogger sind nicht authentisch, sondern zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, darauf weist auch Björn hin, die Technik des Bloggens (und seine vielfältigen Diskursregeln) zu beherrschen. Dazu kann auch gehören, Offenheit darzustellen. Dass MC Winkel am Freitag darüber spricht, wie er “MC Winkel” als Marke aufbauen konnte, ist keine Bankrotterklärung eines inauthentischen Subjekts, sondern der Werkstattbericht eines erfolgreichen Praktikers des Bloggens. Das finde ich sehr viel ehrlicher als alle Versuche, mir als Leser um jeden Preis ein authentisches Selbst verkaufen zu wollen.

Und: Die Tatsache, dass man das A-Wort nach einigen Bier nicht mehr aussprechen kann, beweist doch eindrucksvoll, dass das Wort nicht für Menschen gemacht ist, sondern eigentlich nur noch von Computern ausgesprochen werden sollte.

UPDATE: Mittlerweile hat sich auch miss sophie mit einem Lesenswerten Beitrag zu dem Thema geäußert, der mit folgender Pointe aufwarten kann: “‘Authentisch’ ist eine Kategorie, die mittlerweile mehr über den aussagt, der es verwendet, als über den, den es bezeichnet.”



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  • 4 Responses to “Die Tyrannei der Authentizität”


    1. 1 Markus

      Gute Idee, die Ausspracheprobleme des A-Wortes mit der Computerstimme zu lösen. ;-)

    2. 2 Paul

      Gebe dir ja noch Recht, dass man nicht überall genau die gleiche Person sein kann und es je nach Art Beruf, Privat etc unterschiedliche ichs sind aber: wenn man sich in seinem Blog bewusst verstellt und versucht etwas anders zu sein, merkt das ein leser glaube ich schnell und folglich ist das alles dann auch nicht mehr so spannend was man dort erzählt, oder ? (mehr gedanken in meinem Blog ;-)

    3. 3 Michael Kostic

      Tja. Wirft sich nur die Frage auf ob dies hier authentisch und daher der Konversation würdig ist…

      Bzw. wenn nichts mehr authentisch ist. Woran sollten wir uns dann formen und später orientieren?

    4. 4 Ada Frankiewicz

      Also ich zerfalle nicht in viele Teilselbste und finde die Feier dieser ‘neuen’ alten Lebensform (für Frauen galt das bei dem ‘Anforderungsprofil’ Heilige & Hure bzw. aufopferungsvolle Mutter & Femme banal schon immer) albern, aber ich finde auch die Authentizitätsforderung albern. Die Frage ist doch, ob das was dort steht interessant ist und nicht, die Person, die es schreibt.

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