Daily Archive for September 12th, 2007

Die Zukunft des WWW (Richard MacManus)

Sehr lesenswert ist dieser Beitrag, in dem Richard MacManus zehn zukünftige Trends des WWW skizziert, die sich um den Kerngedanken der Konvergenz von physikalischer und digitaler Vernetzung und Objekte drehen (“your online activity will be mixed with your presence, travels, objects you buy or act with”). Hier die Trends:

  1. Trotz der relativ frühen Ankündigung ist das Semantische Netz immer noch nicht so richtig in Gang gekommen. Da nach und nach Metadaten eine immer größere Rolle im Netz spielen (man denke an RDF, OWL und die hier von mir beschriebenen Mikroformate), könnte der nächste Schritt in einer Ausweitung der automatisierten semantischen Operation von Computersystemen liegen.
  2. Damit eng verbunden ist möglicherweise eine starke Intensivierung der künstlichen Intelligenz von Computern. Die ersten “intelligenten” Web2.0-Problemlösungssysteme sind vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt, wie man meinen möchte.
  3. Der dritte Trend sind, trotz der Second-Life-Ernüchterung, virtuelle Welten. Sowohl sozial- als auch unterhaltungsorientiert; sowohl zwei- als auch dreidimensional. Für MacManus bedeutet das jedoch nicht nur, dass die digitalen Welten sich immer mehr der physischen Realität annähern, sondern auch umgekehrt: Das “echte Leben” wird digitaler, zum Beispiel durch das (Geo-)Taggen physischer Objekte.
  4. Kaum mehr zu übersehen ist der Trend in Richtung des mobilen Netzes, das nicht nur vom heimischen Computer aus erreichbar ist, sondern auch mithilfe tragbarer Geräte. Man denke zum einen an Twitter, Plazes und die vielen anderen Webseiten, die mit m. beginnen, zum anderen (Stichwort ist hier die “digital divide”) aber auch daran, dass die Verbreitung mobiler Telefone in den “Entwicklungsländern” größer ist als in der “entwickelten Welt”.
  5. Hinter vielen Web2.0-Diensten lassen sich Anzeichen für einen Bedeutungsgewinn der “Aufmerksamkeitsökonomie” feststellen. Web2.0-Dienste werden nicht in der monetären Währung bezahlt, denn bereits die Anwesenheit von Nutzern auf den Seiten ist Teil der Bezahlung. Die Nutzer schaffen nicht nur user generated content, sondern vor allem: das wertvolle Gut Gemeinschaft.
  6. Der nächste Trend taucht in vielen Definitionen des Web2.0 auf: der Wandel von Webseiten zu Webdiensten, die in immer neuen Kombinationen miteinander vermischt und verschränkt werden können (“Mashups”).
  7. Weiter expandieren wird nach MacManus das Angebot von Video und TV im Internet. Die nächsten Veränderungen sind bereits absehbar: “Higher quality pictures, more powerful streaming, personalization, sharing, and much more – it’s all coming over the next decade.” Spannende Frage ist: Wie reagieren die Fernsehsender darauf?
  8. Auch der Trend zu “Rich Internet Applications” (RIA) ist Bestandteil der klassischen Web2.0-Definition.
  9. Eine Entwicklung, die die Internetlandschaft deutlich umstrukturieren könnte, wäre das Aufholen der bisherigen Internetnachzügler und die Abmilderung der bisherigen ungleichmäßigen, US-Europa-zentrierten Entwicklung (also ein neuer Globalisierungsschub). Gerade die Mobilisierung des Webs könnte dazu führen, dass auf einmal ganz andere Regionen für die Entwicklung von Social Software interessant werden.
  10. Doch diese Globalisierungswelle könnte durch den möglicherweise gleichzeitig ablaufenden Personalisierungsschub verdeckt werden und die Internetdienste können derart perfekt auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt angeboten werden, dass man die Entwicklungen hinter den unsichtbaren Mauern des eigenen “walled gardens” gar nicht mehr wahrnimmt.

In der Diskussion, die sich daraufhin entfaltete, wurden noch weitere Punkte genannt, von denen ich folgende besonders hervorheben möchte:

  • Thomas Huhn weist auf die Bedeutung des Identitätsmanagements im neuen Netz hin, das insbesondere durch die über zahlreiche Netz verteilten Personendaten erschwert wird. Zu diesem Thema ist auch dieser Beitrag von Klaus Eck lesenswert.
  • Weitere Themen, die in der Aufzählung nicht genügend berücksichtigt werden, sind: die Auswirkungen auf die politische Landschaft, die (unsichtbare) Konvergenz verschiedener Datentypen sowie der möglicherweise tiefgreifende Wandel von Kommunikationsformen (zwischen Menschen wie auch zwischen Mensch und Computer).

Allerdings muss ich sagen, dass mir nicht ganz klar ist, welchen Status die beschriebenen Trends haben. Einiges (wie das “Semantische Web”) sind Utopien, die als Leitbild technische Entwicklungen und möglicherweise auch soziale Bedeutungsverschiebungen nach sich ziehen können, jedoch wahrscheinlich niemals in der skizzierten Form verwirklicht werden können. Andere Trends sind keine Zukunftsprognosen, sondern Entwicklungen, die sich im Hier und Jetzt vollziehen (aber zum Teil nicht als wirkliche Umbrüche wahrgenommen werden). Eine spannende Liste ist es jedoch allemal, an der ich vor allem die sich immer stärker abzeichende Perspektivverschiebung von der Digitalisierung als solcher hin zu den Implikationen der neuen Vernetzungsformen für die “wirkliche Welt”, das “real life” oder die “physische Umwelt” wegweisend finde.



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  • Die Probleme von OpenID

    Die Idee hinter OpenID ist bestechend: eine offene, dezentrale Plattform für das Identitätsmanagement. Das Ziel: “the elimination of multiple user names and passwords and a smoother, more secure, online experience.” Dass damit aber zahlreiche Probleme und Gefahren verbunden sind, zeigt Stefan Brands in einem Beitrag für sein Blog The Identity Corner. Als Hauptprobleme nennt er:

    1. Mangelnde Sicherheit des OpenID-Protocols, das förmlich zum Phishing der Nutzerdaten einlädt.
    2. Die Tatsache, dass auf einigen Seiten freigewordene Usernamen recycelt werden, ist einer der Gründe, warum OpenID Datenschutzprobleme mit sich bringen könnte. Darüber hinaus ist der jeweilige “Identity Provider” dazu in der Lage, die Onlineaktivitäten des Nutzers lückenlos zu protokollieren.
    3. Das Verhältnis von Identität und Vertrauen im Internet ist unklar. Kann man OpenID-Inhabern in besonderem Maße vertrauen? Oder sollte man nur vertrauenswürdigen Personen OpenIDs geben?
    4. Der tatsächliche Vorteil der OpenID-Lösung in puncto Benutzerfreundlichkeit ist fragwürdig. Viele Nutzer haben ihre Logins für ihre Social Networking-Seiten bereits im Passwortmanager ihres Browsers oder Windowmanagers abgespeichert. Außerdem werden die Internetdienste bis auf weiteres proprietäre Lösungen bevorzugen und OpenID nur als Ausweichmöglichkeit nutzen.
    5. Darüber hinaus sieht Brands auch Adaptionsprobleme, da zwar einige Organisationen als OpenID-Provider auftreten wollen, während es noch kaum Nutzer gibt.
    6. Die dezentrale Architektur ist zwar eine der großen Stärken von OpenID, könnte aber auch zu einer Schwäche werden. Denn wenn mein OpenID-Server ausfällt, finde ich mich mit einem Mal aus allen meinen sozialen Netzwerken ausgesperrt. Ohne Schlüsseldienst.
    7. Der letzte Punkt ist die patentrechtliche Ungewissheit, die mit OpenID verbunden ist. Denn die ersten Unternehmen erheben bereits Anspruch auf die Grundlagen von OpenID.


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    In der Rockmusik wurden Blut, Schweiß und Tränen schon so oft als einzige Grundlage für das Schaffen wahrer Musik beschworen (die letzte Aktualisierung dieses Denkens war das “keep it real” des Hiphop), dass die Popkritik seit den 1980er Jahren diese Ideologie unter dem Stichwort “Rockismus” abkanzelt und sich lieber mit der Realität einer zu großen Teilen massenindustriell verfertigten Popmusik befasst. Auf einmal taucht in den Debatten um Sinn und Zweck des Bloggens wieder dieses A-Wort auf: “Authentizität”. Gute Blogs, so Cem Basman, müssen authentisch sein. Im Mittelpunkt steht dieser Satz: “Autor und Inhalt stimmen überein und geben nicht vor, etwas anderes zu sein als sie sind.” Man braucht nicht den Tod des Autors beschwören, um eine leise Ahnung zu bekommen, dass mit dieser Forderung etwas nicht stimmen kann. Denn gemeint ist nicht etwa der Autor als Konstruktion, die vor allem in der Blogosphäre immer einschließt, in welchem Medium zu welchem Publikum kommuniziert wird, sondern der Autor als ein Du-Selbst:

    Der einzige Rat als halbwegs erfahrener Blogger, den ich jemandem auf dem Weg mitgeben könnte, wäre: Sei authentisch! Sei du selbst!

    Seit der modernen differenzierten Gesellschaft kann solch eine Forderung jedoch nur noch als Fiktion, als Fassade aufrechterhalten werden. Das, was hier Du-Selbst genannt wird, zerfällt in viele Teil-Selbste, die in den unterschiedlichen Lebenssphären (Beruf, Familie, Beziehung, Weblog) gelebt werden. Das ist in vielen Fällen nicht so sehr Problem als vielmehr Lösung, Entlastung von der Zumutung, überall mit der “ganzen Person” einstehen zu müssen. Gute Blogger sind nicht authentisch, sondern zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, darauf weist auch Björn hin, die Technik des Bloggens (und seine vielfältigen Diskursregeln) zu beherrschen. Dazu kann auch gehören, Offenheit darzustellen. Dass MC Winkel am Freitag darüber spricht, wie er “MC Winkel” als Marke aufbauen konnte, ist keine Bankrotterklärung eines inauthentischen Subjekts, sondern der Werkstattbericht eines erfolgreichen Praktikers des Bloggens. Das finde ich sehr viel ehrlicher als alle Versuche, mir als Leser um jeden Preis ein authentisches Selbst verkaufen zu wollen.

    Und: Die Tatsache, dass man das A-Wort nach einigen Bier nicht mehr aussprechen kann, beweist doch eindrucksvoll, dass das Wort nicht für Menschen gemacht ist, sondern eigentlich nur noch von Computern ausgesprochen werden sollte.

    UPDATE: Mittlerweile hat sich auch miss sophie mit einem Lesenswerten Beitrag zu dem Thema geäußert, der mit folgender Pointe aufwarten kann: “‘Authentisch’ ist eine Kategorie, die mittlerweile mehr über den aussagt, der es verwendet, als über den, den es bezeichnet.”



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