Daily Archive for September 10th, 2007

Die Macht des Mikrobloggens

Wenn man sich die Entwicklung des “neuen Netzes” (Web 2.0) in der jüngsten Zeit näher ansieht, dann kann man derzeit einen neuen Trend beobachten: Neben das klassische Bloggen, also das Veröffentlichen von mehr oder weniger ausführlichen Beiträgen im eigenen Blog, tritt das Mikrobloggen (microblogging). WWW-Dienste wie Twitter, Pownce oder Jaiku ermöglichen das Versenden von Kurzbeiträgen (auf Twitter sind es maximal 140 Zeichen) oder mit Kurzkommentaren versehene Links oder Dateien an die allgemeine Mikroöffentlichkeit oder nur an die eigenen Kontakte (friends).

Eine (spezialisierte) Variante des Mikrobloggens besteht darin, anderen mitzuteilen, was man gerade tut (status blogging). status.PNGDies ist nicht nur mit den genannten Mikrobloganbietern möglich, sondern findet zunehmend Eingang in andere Applikationen wie etwa Facebook, wo es in jedem Profil ein Feld mit “Status Updates” gibt (siehe Abbildung) sowie eine Übersichtsseite, auf der man sich alle Statusänderungen, also alle angegebenen Aktivitäten seiner “Friends” anzeigen lassen kann.

Neben diesen Oberflächen, mit denen sich beliebige Informationen verschicken lassen und auch Gespräche geführt werden können (mit vorgeschaltetem @ wie in @Martin), sind aber auch Geoblogging-Dienste wie Plazes beliebt auf denen der Nutzer in erster Linie angibt, wo er oder sie sich gerade befindet oder wohin er gerade unterwegs ist. Die Übergänge zwischen diesen drei Spielarten sind jedoch fließend: auch auf Twitter kann mitgeteilt werden (und wird mitgeteilt), wo man sich gerade aufhält ebenso wie man Plazes für eine kurze Tätigkeitsbeschreibung gebrauchen kann.

Manche sehen darin bereits den Beginn einer neuen Kommunikationsform, sei es eine Art subliminaler Orientierungssinn virtueller Gemeinschaften oder eine Form von “ambient information“. Um diese sicher ebenfalls spannende Frage, wie sich Mikrobloggen kommunikations- und medientheoretisch fassen lässt, soll es jedoch im Folgenden nicht gehen. Stattdessen stellt sich hier die Frage, wie diese bereitwilligen Auskünfte über das eigene Leben und die eigene Person (also diese veröffentlichte Selbstüberwachung) in einen Kontext passen, in dem Fragen von Anonymität und Datenschutz ein hohes Maß an Aufmerksamkeit beanspruchen können (Stichwort: “Bundestrojaner”).

Im Folgenden habe ich 10 Thesen versammelt, warum das Mikrobloggen derzeit (und überhaupt) trotz der offensichtlichen oberflächlichen Ähnlichkeit zu Überwachungsszenarien einen so regen Zuspruch erfährt:

  1. Die Bezugsgruppe der “Freunde” (friends) spielt eine große Rolle. Erfahren wird, dass sich andere Personen, die einem selbst zwar nicht unbedingt sozialstrukturell, aber zumindest in ihrer Technikaffinität ähneln, dort ebenfalls “enthüllen”.
  2. Eine weitere Selbstberuhigung dürfte darin liegen, dass an anderen Orten des Internets sehr viel stärker und offensichtlicher Daten gesammelt werden, so dass das Mikrobloggen auch nicht mehr viel ausmacht.
  3. Das Mikrobloggen wird von der Illusion begleitet, dass ich meine Selbstdarstellung kontrolliere und nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Inhalte bewusst herausfiltern kann.
  4. Die Exit-Option ist immer präsent: Wenn es mir zu bunt wird, bzw. wenn sich negative Konsequenzen ergeben könnten, besteht immer noch die Möglichkeit, damit aufzuhören.
  5. Im Zusammenhang mit dem 2. Punkt könnte auch eine Rolle spielen, dass die im Internet insgesamt anfallenden Verhaltensspuren für so umfangreich gehalten werden, dass keine sinnvollen Informationen daraus entnommen werden (signal to noise ratio).
  6. Zudem wird es grundsätzlich für möglich gehalten, bewusst eine falsche Darstellung, eine fiktive Internetidentität anzunehmen und dadurch (scheinbar) unbrauchbare Daten zu produzieren.
  7. Möglicherweise hält sich aber auch die Vorstellung, dass die wirkliche Person hinter den Äußerungen nach wie vor anonym bleiben kann.
  8. Denkbar ist auch die Vorstellung, dass die positiven Wirkungen im Sinne von Werbung für die eigene Person in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie überwiegen.
  9. Auch die “Es-bleibt-unter-uns”-Annahme könnte sich als wichtig erweisen, also die Vorstellung einer grundlegenden Reziprozität: ich nutze die Informationen über die anderen nicht für “böse” Zwecke und kann insofern davon ausgehen, dass die anderen das mit meinen Informationen auch nicht machen werden.
  10. Schließlich ist aber auch denkbar, dass sich der oder die MikrobloggerIn überhaupt nicht vorstellen kann, für welche Zwecke die preisgegebenen Informationen überhaupt genutzt werden könn(t)en.

Diese Thesen ähneln den Argumenten, die auch in der Surveillance-Debatte immer wieder auftauchen, jedoch mit dem Unterschied, dass es hier nicht nur um die Frage geht, warum gegen die Überwachung der eigenen Person nicht protestiert wird, sondern warum man diese “Überwachung” sogar selbst leistet (und im Falle des ausländischen SMS-Gateways z.T. sogar dafür zahlt).



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