Daily Archive for September 2nd, 2007

Höhlenmenschen im Internet

Gibt es Höhlenmenschen im Web 2.0? Nein, dies soll nicht etwa auf die mangelnden Umgangsformen anspielen, die den User Generated Content manches Mal begleiten und auch nicht auf die schlichte Eleganz und Funktionalität der Höhlenzeichnungen von Lascaux oder Niaux, die in dem Design von del.icio.us vielleicht ihr modernes Äquivalent gefunden haben. Stattdessen beschreibt der Begriff eine bestimmte Form der Vernetzung, in der eine Population in zahlreiche Cluster aufgeteilt ist, die nicht miteinander verbunden sind. Schematisch lässt sich diese Form in etwa so darstellen:
cavemen.png
Die Fragmentierung des Netzwerks führt in diesem Fall dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Knoten (z.B. User in einer Community) miteinander in Kontakt geraten, gegen null tendiert. Sehr viel spannender ist dagegen eine Abwandlung des Schemas – der “connected caveman graph”, in dem zwischen den Clustern einige wenige Verbindungen bestehen:
ccavemen.png
Nun kann man trotz der nach wie vor starken Clusterung von jedem Knoten jeden anderen erreichen. Das entgegengesetzte Modell ist das einer zufälligen Verbindung der einzelnen Knoten, in dem keine Cluster bestehen, dafür aber die charakteristische Pfadlänge zwischen zwei beliebigen Knoten geringer ist als in dem ebengenannten Modell.

Duncan J. Watts hat in seinem wichtigen Aufsatz “Networks, Dynamics, and the Small-World Phenomenon” (pdf, Zusammenfassung) aus dem Jahr 1999 das connected caveman sowie das random distributed Modell als Ausgangspunkt genommen, um eine mathematische Theorie des Small-World-Phänomens zu formulieren. Dem Problem der Widersprüchlichkeit von Kleine-Welt-Phänomenen – sie beschreiben Netzwerke auf, die gleichzeitig stark geclustert sind und eine niedrige charakteristische Pfadlänge zwischen zwei Knoten besitzen – begegnet er, in dem er viele Zwischenformen zwischen den beiden beschriebenen Modellen graphentheoretisch analysiert und schließlich auf die Bedeutung von Abkürzungen stößt, die in einem stark geclusterten Modell die Pfadlänge gravierend senken können, ohne die Gesamtzahl der Verbindungen wesentlich zu erhöhen und damit in Richtung eines zufällig geclusterten Netzwerks zu gelangen.

Durch so ein Muster wird es möglich, sich darüber zu wundern, dass man mit einer anderen Person über nur wenige Schritte verbunden ist, obwohl man selbst nur in einem lokalen vernetzt ist und keinen shortcut in der Nähe ahnt. Es bleibt aber eine empirische Aufgabe, diese Beobachtungen an sozialen Netzwerken wie OpenBC, Facebook oder Twitter zu überprüfen.



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