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Blog als Kommentar (2000)

Am 30. November 2000 schreibt Harald Staun im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung einen Artikel, der sich nach einigen allgemeinen Anmerkungen zur Medienkultur auch mit dem Phänomen Weblog auseinandersetzt. Meines Wissens handelt es sich hier nach diesem Beitrag um das zweite Mal, dass die SZ über Blogs berichtet. Hier nun meine Forschungsnotiz dazu:

Der Text von Harald Staun handelt zunächst gar nicht von Weblogs, sondern von der Tendenz der Medialisierung von Politik. Es geht also nicht um die Inhalte, sondern um die Kampagne. Aber damit nicht genug, Staun beschreibt darüber hinaus noch die Tendenz der medialen Berichterstattung, sich gar nicht mehr (Stichwort “Enthüllungsjournalismus”) mit den wahren Personen hinter der Maske zu befassen, sondern allenfalls mit ihrer medialen Selbstdarstellung. Die Medien nehmen also, er demonstriert dies am Fall des amerikanischen Wahlkampfes, “immer höhere Metaebenen” ein. Damit leitet er dann aber über zum uns interessierenden Thema “Weblog” – für ihn definierbar als “eine[] Art digitaler Tagebücher, die Artikel und andere Weisheiten kommentieren und verlinken”, sind diese doch ein Beispiel par excellence für diese mediale Selbstreflexivität. Zwar wird der übliche Begriff des Tagebuchs in der Definition verwendet, aber das, was dann als Wesenskern der Weblogs beschrieben wird (das Kommentieren und Verlinken) hat mit dem klassischen Tagebuch, zwar durchaus als Kommentar lesbar, aber über die Welt, nicht über einen Text, nur mehr wenig zu tun. Hier erscheinen Weblogs also als Aggregation von Merkwürdigkeiten (das barocke “Artikel und andere Weisheiten” verweist darauf), die auf Grundlage neuer digitaler Technologien verlinkt und zugleich in Anschluss an alte juristische Kulturtechniken kommentiert werden. Als Beispiel für “eine Art” Weblog führt er dann den Rezensionsdienst Perlentaucher auf, der die wichtigsten Artikel des Feuilletons zusammenfasst und durch eigene Anmerkungen ergänzt. Wesentlich ist dabei für ihn: die hohe Aktualität, denn Perlentaucher-Leser haben den Kommentar zur Rezension häufig vor der eigentlichen Rezension vor Augen. Außerdem: die “höchst professionelle[] Gestaltung”, die allerdings für Staun dazu führt, dass es sich nur um eine Art Weblog und kein Weblog im engeren Sinne handelt. Weblogs sind demnach im Umkehrschluss nicht professionell gestaltet.



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